Appleton Estate – weniger Kitsch, dafür mehr Rum

Möchte man sich der Geschichte des wohl bekanntesten Rums der Insel Jamaika nähern, so hat man die Qual der Wahl, von welcher Seite man beginnt. Die wohl beeindruckendste wäre natürlich jene, sich mit der Musik Bob Marleys in ein Flugzeug zu setzen und nach Jamaika zu fliegen. Denn bei jamaikanischem Rum geht es nicht nur um das Produkt als solches – es geht immer auch um eine Einstellung zu Leben. Nur leider ist diese Variante vielen schlicht nicht möglich. Eine weitere Möglichkeit ist es, sich bei selbiger Musik eine Flasche des 12jährigen Appleton Estates zu öffnen, sich zurückzulehnen und zu genießen. Lets get together and feel all right.
Dabei will Appleton Estate doch anders sein. Ein Rum weit weg vom Bacardi Summer feeling, aber auch von den so glorifizierten Garagenrums kleinster Provenienz. Schließlich ist es der meistverkaufte Rum Jamaikas und schlichtweg eine Instanz im Rum-Segment. Eine Instanz mit einer spannenden Geschichte, deren Anfang irgendwo zwischen 1655, 1749 und 1825 zu finden ist und auf halbem Wege zwischen Nassau Valley und Kingston liegt.

Von einem Engländer aus Oxfordshire, dem Anglo-Spanischen Krieg und der Geburtsstunde jamaikanischen Rums

Die Zuckerrohrfelder der Plantage | © Appleton Estate

Ursprünglich war Jamaika eine spanische Kolonie, welche seit 1509 unter der Ägide des katholischen Herrschaftshauses stand. Doch schnell verloren die Spanier das Interesse an der Insel, da dort kein Gold oder anderes Edelmetall gefunden wurde. Dies war auch der Grund, warum im Laufe der Zeit kaum militärische Verteidigungsstruktur auf der Insel geschaffen wurde, zumal die spanische Armee im Zuge des französisch-spanischen Krieges von 1635 – 1659 schon eh stark gebunden war. Im Zuge des Western Design Plans von Oliver Cromwell sollte diese Tatsache ausgenutzt werden und England – welches sich bis dahin vor allem durch Kaperaufträge in der Karibik beteiligte – zu einer neuen Macht in der Neuen Welt aufsteigen. Das vorrangige Ziel – die Inseln Hispaniola und Kuba zu erobern – wurde nicht erreicht, wohl aber konnte man Jamaika den Spaniern fast ohne Widerstand entreißen und schließlich 1655 besetzen, welches sich durch den Vertrag von Madrid 1670 formalisierte. Doch von Bedeutung ist eben jenes Jahr 1655 und die offizielle Besetzung.
Einer der 7000 englischen Soldaten, welche am 9. Mai an Land gingen war ein gewisser Francis Dickinson, Sohn eines calvinistischen Pastors aus der kleinen englischen Stadt Appleton (im Jahre 2011 zählte man dort 915 Einwohner). Dieser einfach Soldat bekam als Dank für seine Beteiligung an der Invasion 6,000 Ar (ca. 24.281 qm.)  Land geschenkt.
Dieses Stückchen Erde – im Nassau Valley in der heutigen Gemeinde St. Elizabeth gelegen ist der Ursprung für den heutigen Rum-Produzenten Appleton Estate. Vor allem seine Kinder und Enkel begannen damit, das Land urbar zu machen und es zu einer Zuckerrohrplantage auszubauen, auf der man ab 1749 Rum destillierte – und dies bekanntlich bis heute tut. Damit ist Appleton Estate die zweitälteste aktive Rumdestillerie der Welt. Noch älter ist nur noch Mount Gay auf Barbados (1703) und danach folgt St. James auf Martinique (1765). In den folgenden Generationen entwickelte sich die Plantage weiter und wurde größer und größer und erst 1845 verließ das Anwesen die Familie Dickinson und wurde von William Hill erworben. Zu diesem Zeitpunkt bemaß das Gelände schon stolze 17 Morgen (was mindestens 4,25 ha Land sind). Als die stets wachsende Zuckerrohrplantage im Jahre 1900 einen neuen Eigner bekam – den erfolgreiche Geschäftsmann Mr. Alexander McDowell Nathan – betrug die Fläche schon mehr als 14 Hektar und Mr. McDowell Nathan war nicht wenig umtriebig. Der als erfolgreichste Businessmann Jamaikas Geltende schaffte es bis zu seinem Tode 1907, das Anwesen auf überwältigende 50 ha zu vergrößern. Diese riesige Expansion machte Appleton Estate schon damals zu einem wichtigen Produzenten für Zuckerrohr und Rum.

Immer wieder England, Shakespear und eine stetige Weiterentwicklung

Ein anderer Strang dieser Geschichte beginnt 1825 in Kingston. Dort eröffnete John Wray an der Parade – einem äußerst beliebten und belebten Platz – eine Taverne. Durch die Nähe zum damals berühmten Theatre Royal – es lag direkt nebenan – waren häufig englische Schauspieltrupps zu Gast, die Jamaika als Ausgangspunkt für ihre Reisen auf den amerikanischen Kontinent nutzten. Englische Schauspieler, Theater und ein Platz zum Zechen – da liegt es nahe, den wohl berühmtesten englischen Dramaturgen als Werbefigur zu nutzen und so gab Wray seiner Taverne den bedeutungsvollen Titel „The Shakespeare Tavern“. Schon frühzeitig erwies sich diese Trinkstätte als lukrativ, befand sich doch nicht nur das Theater nebenan, sondern gegenüber eine Kirche und ums Eck ein Markt. So wurde aus einer einfachen Taverne schnell auch ein Handelsgeschäft für Rum. Nachdem John Wray den Boden bestellte für einen langlebigen Erfolg, nahm er 1860 seinen 22jährigen Neffen, Charles James Ward in die Pflicht und machte ihn 1862 zu seinem Partner. Dies ist die Gründungsgeschichte von J. Wray and Nephew – einem heutzutage wichtigen Aspekt jamaikanischer Rumgeschichte.
Der junge Ward – der später den Beinamen „Colonel“ bekommen soll – erwies sich als äußerst umtriebig und so zog man schon 1863 aus der kleinen Taverne aus um größere, aber vor allem näher am Hafen gelegene Räumlichkeiten in der Port Royal Street zu beziehen. Der Handel mit Rum hatte zu diesem Zeitpunkt schon längst die Überhand gegen den Ausschank von Rum gewonnen. Kurz darauf verstarb im Jahre 1870 John Wray und Ward übernahm alleinig die Geschäfte bis zu seinem plötzlichen Tod 1913 im Alter von 75 Jahren. Vorläufig übernahmen Gläubiger die Geschäfte bis 1916 die Firma Lindo Brothers & Co. J. Wray & Nephew kaufte. Diese durch Alexander Lindo ursprünglich im 18. Jahrhundert anberaumte Unternehmung kam vor allem durch Land- und Sklavenhandel (die Sklaverei wurde 1834 offiziell abgeschafft) zu Geld und wuchs im Laufe der Zeit zu einer der mächtigsten Unternehmungen der Insel.

Die Pot-Stills sind der Grund, warum dieser Jamaika-Rum eine solch großen Körper hat | © Appleton Estate

Noch im selben Jahr – 1916 – erwarb Lindo Brothers & Co. einen der Zulieferer von Rum von J. Wray & Nephew: Appleton Estate. An dieser Stelle laufen die Fäden der Geschichte zusammen und ermöglichen das Entstehen einer der bekanntesten Rummarken der Welt. Sogleich begann man mit dem Ausbau und errichtete zwei neue Lagerhäuser und baute eine elektrische Abfüllanlage.

Krieg, zu stopfende Löcher und globaler Erfolg

Der sich anbahnende Zweite Weltkrieg entwickelte sich für die Unternehmung zu einer wirtschaftlichen Chance, brach doch eine sichere Versorgung mit Whisk(e)y weg. Während sich der amerikanische Whiskey schon durch die Prohibition rar machte, wurde durch den Krieg nun auch die Versorgung mit schottischen und irischen Destillaten immer enger und man brauchte gelagerte Alternativen. Die Pot-Still-Stilistik jamaikanischer Rums bot sich hier hervorragend an. Dies zeigt sich im 1940 kreierten Estate Special, welcher für den globalen Erfolg jamaikanischen Rums von besonderer Bedeutung war. Während man sich in den 1940er und 1950er Jahren der Modernisierung widmete, konsolidierte sich der Zuckerrohr- und Rummarkt Jamaikas beträchtlich. Waren zwar schon immer die größten Anbauflächen in der Hand weniger Estates, so waren zumindest 1893 noch 148 Brennereien aktiv. Davon waren es während des Zweiten Weltkriegs gerade noch 25, während heute keine 10 mehr den so berühmten und wichtigen Exportschlager Jamaika-Rum produzieren.

Das ehemalige Flagschiff der Brennerei – Appleton Estate V/X | © www.spirit-ambassador.de

Der globale Erfolg diesseits des Genusses stellte sich jedoch erst Mitte der 1980er Jahre ein, als die nationale Regierung heimischen Produkten viel Freiraum ließ und den Export als wichtiges Einnahmeinstrument erkannte. Schließlich musste sich die junge Nation – Jamaika wurde am 06. August 1962 ein unabhängiger Staat – erst finden und im inneren stabilisieren. Doch mit der Öffnung der Wirtschaft wurde auch jamaikanischer Rum global immer populärer – und Appleton Estate trug das Seine dazu bei. Einer der bedeutendsten Blends des Hauses ist der seit 1987 erhältliche Appleton Estate V/X, welcher nunmehr seit einiger Zeit unter dem Namen Signature Blend erhältlich ist. Wenig später lancierte man einen 12jährigen Appleton – und das schöne daran ist, dass hier wirklich jeder Tropfen mindestens 12 Jahre in ex-Bourbon Fässern gereift ist. Man darf hier eine Altersangabe ruhig als Mindestalter werten – ein enormer Qualitäts- und Transparenz-Vorteil.
Im Jahre 1996 brachte man damals einen der ältesten Rums auf den Markt – einen 21jährigen. Dieser darf bis heute zu den wohl Besten seiner Art zählen und 2012, zum 50. Jubiläum der jamaikanischen Unabhängigkeit lancierte man einen unglaublich raren 50. Jährigen Appleton – Vintage 1962. Eine Hommage an das Land und seine Menschen.

Von Frauen, Terroir und der Kunst der Wissenschaft

Eben jenes Land ist es, was am Ende Appleton so besonders macht, vergleicht man sich im Nassau Tal schon mal mit einer europäischen Weinappelation. Und vielleicht ist dieser Vergleich gar nicht so verkehrt. Schließlich ist und bleibt Rum ein Produkt ähnlich des Weins, ein Produkt seines Landes und seiner Menschen. Auch hier gilt: Terroir zählt. Ein Mensch, der das verinnerlicht hat ist Joy Spence. Sie ist die Masterblenderin bei Appleton Estate und damit die Erste in ihrer Branche.

Wenn der Boden den Himmel berührt – ein ganz besonderes Terroir | © Appleton Estate

Joy Spence – die Frau hinter dem berühmten Rum | © Appleton Estate

Nach ihrem Studium der analytischen Chemie und ihrem absolvierten Master heuerte sie 1981 bei J. Wray & Nephew an. Dort arbeitete sie als Analystin sehr eng mit dem damaligen Masterblender Owen Tulloch zusammen und entwickelte ein Gespür für Rum, seine Herstellung, seine Geschichte und seine Stilistik. Dies verhalf ihr dazu, 1997 zur ersten Masterblenderin der globalen Rum-Industrie ernannt zu werden. Seither ist sie Chefin über mehr als 240.000 Fässern – zumeist von Jack Daniels geliefert – und versteht sich als eine Mischung aus Künstlerin, Wissenschaftlerin und Genießerin. Ihr Credo lautet:

„to be a good blender, you must be a sensory expert, have an artistic and creative flair, a good understanding of the chemistry of the process, a passion for the art, and pay attention to the details“.
Dies gelingt Ihr auf beeindruckende Weise, denn mittlerweile ist Appleton Estate mehr als nur irgendein jamaikanischer Rum von einer Plantage in den Tiefen des Nassau Valleys. Es ist eine liquide Instanz mit einer Geschichte, die nun schon mehr als ein Vierteljahrtausend andauert. Ein Single Estate Rum und ein globaler Player. Aber in erster Linie einfach ein verdammt guter und ehrlicher Rum.
Cheers!