Die Verortung des Magischen – Die Kunst der Komposition

Cognac kann mit Recht als eine der berühmtesten und vor allem komplexesten Spirituosen der Welt gelten. Die Aromenvielfalt, welche sich uns in einem Glas Cognac darbietet, kann so vielseitig sein wie die Farbenpracht eines Strausses Sommerblumen. Dies hat mit der Einzigartigkeit seiner Herstellung, den unterschiedlichen Lagen und der kunstfertigen Ausarbeitung des Terroirs während der Vinifikation, der Destillation und der Reifung zu tun. All diese Schritte haben einen erheblichen Einfluss auf die Qualität und den Geschmack des fertigen Cognacs, doch das wahre Wunder, die Magie von Cognac wird im letzten Schritt seiner Erschaffung deutlich: dem Blending.

Zur Verteidigung eines Begriffes

Blending – mit diesem Begriff muss man in der Welt der Spirituosen vielleicht nicht vorsichtig umgehen, seine Verwendung jedoch und vor allem das damit verfolgte Ziel erklären. Leider wird diese hohe Kunst zumeist mit „Panschen“ falsch übersetzt und trivialisiert. Eine fulminante Ausprägung dieses extremen Missverständnis lässt sich zumeist im Whisky-Segment finden, wo für viele selbsterklärte Connaisseure ein Blended Whisky synonym mit einem qualitativ geringer geschätzen Massenprodukt verwandt wird. Dies ist jedoch völlig falsch und wird an anderer Stelle aufgearbeitet. Bei Cognac gibt es diese Debatte nicht – was wohl weniger daran liegt, dass man hier auf Konsumenten-Seite diese Kunst verstanden hat, sondern leider Gottes daran, dass sich noch immer weniger Menschen mit der Magie dieses großartigen Produktes en detail auseinandersetzen.

All diese eaux-de-vie bei Hennessy warten darauf, zu etwas Großem zu werden | © www.spirit-ambassador.de

Von daher sei eines vorweggestellt: Blending ist die höchste Form der Komposition und bedarf einer langjährigen Erfahrung und einer unabdingbaren Vision seines eigenen Produktes gegenüber.

Warum ist Cognac ein Blend?

Doch warum ist Cognac eigentlich – fast – immer ein Blend? Und wäre es nicht spannend, Single Vineyard Cognacs zu produzieren und vor allem: zu verkosten? Eine abschließende Antwort auf die Frage nach einem „Warum?“ lässt sich zumeist mit dem Terroir inklusiver seiner Kulturgeschichte finden. Die Geschichte von Cognac geht zurück auf die niederländischen Salzhändler, welche in der Charente-Region – als auch im Bordelaise – im 16. und 17. Jahrhundert zugegen waren. Für den Transport der Weine Cognac’s in die damaligen nordspanischen Kolonien der zukünftigen Niederlande waren jene einfach zu dünn und neigten zu Oxidation. Um nicht gänzlich ein Verlustgeschäft eingegangen zu sein, destillierte man diese in den Brennblasen der Niederländer und nutze den gewonnenen Brandewijn. Mit der Erkenntnis, dass es viel effizienter wäre, diese Weine vor Ort – also am Ufer der Charente zu destillieren – erfolgte die Verlagerung der Brennblasen nach Frankreich und notgedrungen wurden nun die eaux-de-vie in Fässern abtransportiert. Dabei stellte man im Laufe der Zeit fest, dass diese gelagerten Brandweine außerordentlich geschmackvoll waren und schlussendlich ist dies die grobe Entstehungsgeschichte von Cognac.
Warum nun aber das Blending? Die ansässigen Händler, die spätestens im 17. und 18. Jahrhundert die großen Cognac-Häuser gründeten waren nicht die Besitzer der Weinberge. Richard Hennessy und Thomas Hine zum Beispiel waren irische Offiziere und keine lokalen Weinbauern. Selbst Phillipe Augier, welcher 1643 die Maison Augier gründete – heute die älteste erhältliche Cognac-Marke – besaß kaum ausreichend Land für den Weinbau. Diese Aufspaltung zwischen Weinbauern, Winzern und Händlern ist äußerst typisch und findet sich so zum Beispiel auch in der Champagne wieder.

Bild links: Der Hafen von La Rochelle – von hier begann die Reise der Brände in die Welt und damit auch die Geschichte von Cognac | © www.spirit-ambassador.de

Die dadurch entstehenden Unterschiede in Qualität – natürlich auch abhängig vom Jahrgang – versuchte man durch einheitliche Blends zu egalisieren. Der eigene Anspruch und die Verlässlichkeit gegenüber seinen Kunden sind die wichtigsten Triebfedern zum Herstellen der Blends, garantieren doch diese eine einheitliche und zuverlässlige Qualität, welche sich mit dem Namen des Händlers – sei es Hennessy, Remy Martin, Martell oder anderer identifizieren lässt. Die Tatsache, dass Cognac also zumeist ein Blend ist, entspringt seiner historischen Entwicklung.

Vom Anfang, dem ein Ende inne wohnt

Die wahre Kunst des Komponierens von unterschiedlichen eaux-de-vie ist eine Sache von zwei Seiten. Die naheligende Kunst, das offensichtliche Moment ist die skalierbare Perfektion des fertigen Produktes. Es ist mehr als erstaunlich, dass solche Klassiker wie Hennessy V.S oder der VSOP von Remy Martin über all die Jahre so gleich schmecken. Hierbei wird natürlich deutlich, wie besonders die Fähigkeiten der Kellermeister sind, damit dies über die Jahre hinweg so möglich ist. Die größere Magie jedoch liegt in der Weitsicht. Denn eigentlich beginnt die Kunst – wie jede magische Vorführung – mit der Vorbereitung und damit spätestens mit dem Destillat. Schon weit vor der Komposition muss den Blendmeistern bewusst sein, welche Qualität das einzelne Destillat abzubilden vermag und was man damit in vielen Jahren kreieren möchte. Auf die Potentialität der Vermählbarkeit hin werden diese produziert und sind in ihrer Entwicklung quasi bis zu einem gewissen Grad vorbestimmt. Dieses Miteinander von Weinkunst, dem Handwerk der Destillation und der Magie des Blendings ist es, welches vor allem Cognac zu solch einer bemerkenswerten Spirituose macht.

(Un-)Blended Cognac im modernen Gewand

Doch wie sieht es mit einer Entwickliung aus, die allmählich immer bekannter wird – den un-blended Cognacs? Also jenen Abfüllungen, die ausschließlich aus einem Crus kommen, oder ganz speziell nur auf Basis von einer Rebsorte – zumeist nicht Ugni Blanc – stammen? Marken wie Augier oder Jean Grosperrin vermarkten diese Produkte schon länger, leider nur mit sehr wenig Aufmerksamkeit auf Seiten der Konsumenten. Augenscheinlich mag diese Philosophie dem fundamental entgegenstehen, wofür die meisten Cognac halten. Ebend jenen Blends großer Häuser, die stets und immer gleich zu schmecken scheinen. Es ist jedoch dabei einfach nur die Kehrseite jener Medaille, die für die Trennung von Weinbauern, Destillateuren und Handelshäusern steht. Ähnlich wie in der Champagne etablieren sich immer mehr kleine Produzenten, die vormals eaux-de-vie an die Großen lieferten und nunmehr eigene Abfüllungen verkaufen. Eine jener Erfolgsgeschichten ist die der Familie Merlet. Aus Saint Sauvant stammen, lieferte Sie über viele Jahre hinweg Destillate an Hennessy, bis sie sich dazu entschlossen, eigenen Cognac zu produzieren. Dies nunmehr seit über 10 Jahren sehr erfolgreich. Genau diese kleineren Produzenten, als auch die Einzellagen-Cognac beleben die Kategorie unglaublich und verjüngen eine Spirituose, der man leider Gottes immer noch nachsagt, sie wäre in die Tage gekommen.
Es ist wie mit allem: es bedarf vieler Interpretationen einer Idee, um diese zum Leben zu erwecken und viele Leute davon zu begeistern. Die großen Blends verliehren ihre Strahlkraft nicht und die dazugehörigen Häuser mit ihren berühmten Namen bilden das wichtige Fundament – auch aus Marketingsicht – für die vielen kleinen Besonderheiten, die es in jeder Kategorie gibt.

Bild rechts: Die Cognac‘ der Maison Augier sind etwas Besonderes, kommen sie doch zumeist nur aus einer Lage | © www.spirit-ambassador.de

So bildet sich eine Vielfalt, die sich geschmacklich in Extreme verlieren kann, aber die auch immer verlässliche und treue Begleiter im liquiden Genuss zur Verfügung stellt. Und genau diese Mischung macht es aus, dieser Blend aus Philosophien und Ideen. Wir sollten nur allen eine Chance geben und sie probieren. Schaden wird es nicht!
In diesem Sinne.
Cheers!