Die Geschichte des Gins – von den Anfängen eines Gegenentwurfs zum kampferprobten Mutmacher

Dass die Spirituosenkategorie Gin seit einigen Jahren schwer im Trend ist, hat man mittlerweile auf der ganzen Welt eingesehen. Überall wird lokal, mit persönlicher Geschichte oder mit vermeintlich äußerst innovativen Ideen Alkohol hergestellt oder veredelt und als den „neuen Stern am Gin Himmel“ in höchste Sphären gelobt. Was davon schlussendlich diesen Hype überstehen wird und was nicht, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Eines darf man nämlich nicht vergessen: die letzten Jahre der Image-Politur sind nur ein kleiner Bruchteil der Geschichte des klaren, mit Wacholder aromatisierten Destillats. Wenn man diesen Alkohol verstehen will, so muss man viele Jahre in der Zeit zurück gehen. Begleiten Sie uns auf eine Reise durch die letzten Jahrhunderte und durch die Kultur- und Sozialgeschichte Mitteleuropas und später hinüber in die neue Welt.

Jedem Anfang wohnt ein … Ende innen.

Um grundlegend zu verstehen, welche besondere Rolle Destillate wie Gin – oder auch Vodka – in der (europäischen) Kulturlandschaft einnehmen, muss man sich dem populären Gegenspieler gewiss sein: Weinbrand, Cognac oder Brandy. An diesem Punkt wird die absolute Differenz deutlich – handelt es sich doch um zwei gegensätzliche Grundstoffe, welche zur Destillation herangezogen werden. Auf der einen Seite (in diesem Fall die südlichere) haben wir eine Kultur-Landschaft, die vom Weinanbau lebt und weiter im Norden ein Klima, dass dies mehr oder minder unmöglich macht. Dazwischen liegt eine unsichtbare Grenze, die in der englischen Fachsprache als grape / grain divide bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um eine unstete Grenze zwischen unterschiedlichen europäischen Klimazonen. Diese jedoch exakt zu bestimmen ist schier unmöglich, da sich im Laufe der Zeit das Klima – Stichwort Erderwärmung – permanent ändert.
In der für uns relevanten Zeit – dem frühen 16. Jahrhundert – lag diese Grenze weitaus südlicher und so war in der Region Mitteldeutschland wenig bis gar nicht an Weinanbau zu denken.

Die Grape / Grain Divide und ihr Verlauf vor einigen Jahrhunderten | © Lew Bryson: Tasting Whisky –  Grafik: Dan O. Williams – mit freundlicher Genehmigung durch Storey Publishing.

Eine sehr dankbare Alternative zu Wein war Getreide – die Grundlage des späteren Gins. Das Problem an Getreide ist nur, dass es sich deutlich umständlicher zu Alkohol verarbeiten lässt, als dies bei Früchten im allgemeinen und natürlich bei Weintrauben im speziellen der Fall ist. Dieser natürliche Vorsprung der Weinregionen zeigt sich auch in der erstmaligen Erwähnung von Destillaten aus den jeweiligen Ausgangsprodukten. Während in der französischen Region der Gascogne schon im Jahre 1411 erstmalig ein Weinbrand (Brandy) erwähnt wird, dauert es für Mitteleuropa knapp 100 Jahre länger. Erst im Jahre 1507 findet sich ein juristischer Beleg für die Herstellung von höherprozentigem Alkohol, als man in der Freien Reichsstadt Nordhausen (heutiges Thüringen) eine Branntweinsteuer erhob. Genau lässt sich das Ausgangsprodukt jedoch erst 1545 verifizieren, denn in diesem Jahr wird in selbiger Stadt ein Verbot zu Herstellung von Kornbrand ausgerufen. Verbote sind aus historischer Perspektive – ähnlich wie Steuererlasse – immer ein gutes Zeichen für eine gewisse Marktdurchdringung neuer Produkte.
Mit einem kleinen Sprung von Thüringen in die damaligen spanischen Kolonien beginnt nun die Entstehungsgeschichte des Gins wahre Wellen zu schlagen. Dort, ca. 40 km nördlich der mittlerweile prosperierenden Handelsmetropole Rotterdam wird 1550 erstmals ein Begriff und damit ein Produkt überliefert, welches mit Fug und Recht als Großvater des heutigen Gins bezeichnet werden kann. In der ältesten Universitätsstadt der heutigen Niederlande – in Leyden – wurde damals erstmalig und verbrieft Genever hergestellt. Dieser mit Wacholder (iunevi parus, Juniperus – dieser Pflanze wurde schon im antiken Griechenland eine desinfektionierende und heilende Wirkung zugeschrieben, so dass es nicht verwunderlich ist, dass man früher oder später auf die Idee kam, sie mit Alkohol zu kombinieren) versetzte Branntwein war jedoch im Verhältnis zu den französischen Weindestillaten wenig hoch angesehen und galt als minderwertiger Alkohol. Dies ist übrigens für alle Kornbrände der damaligen Zeit anzumerken. Die Konsumenten dieser Produkte waren vorwiegend arme Leute und Soldaten, denen es tendenziell um ein zielorientiertes Konsumverhalten ging, denn um den Genuss. Vor allem letzterer Gruppe ist der Siegeszug des Wacholdergetränks zu verdanken.

Dutch Courage

Noch vor der Gründung des geschichtsträchtigen Hauses Bols (1575) und deren einsetzender Geneverproduktion begann eine der wichtigsten Zäsuren für die Trendspirituose heutiger Tage. Im Zuge der europäischen Reformation und politischer Veränderungen kam es auch in den heutigen Niederlanden zu gewaltsamen Aufständen gegen die spanische Krone, die eng mit dem Katholizismus verbunden war. Mit aller Härte versuchten die Spanier unter König Philipp II. die Macht zu behalten. Im Jahr 1568 begann sich jedoch die Wut der ca. drei Millionen Niederländer –  im übrigen waren fast alle wegen Häresie durch die Inquisition zum Tode verurteilt – gegen die spanischen Herrscher zu entladen und es begann eine der bedeutendsten politischen Umstürze der europäischen Geschichte: der 80jährige Krieg.
Die durch religiöse und politische Machtbestrebungen gekennzeichneten Konflikte veränderten das Gesicht Europas und sorgten für geopolitische Koalitionen, die auch auf das Konsumverhalten der Menschen Einfluss nahmen. Für den Genever war dies ohne Zweifel der Vertrag von Nonsuch aus dem Jahre 1585. Benannt nach dem einem englischen Schloss aus der Tudorzeit, handelt es sich um eine Übereinkunft zwischen den niederländischen Aufständigen unter Wilhelm I. von Oranien und dem englischen Königshaus der Queen Elisabeth I. Darin sichert die calvinistisch geprägte englische Krone den Niederländern militärische Unterstützung im Kampf gegen die katholischen Spanier in Form von 6.000 englischen Soldaten zu. Und damit beginnt der Stern zu steigen! Diese englischen Soldaten erlebten auf dem kontinentalen Schlachtfeld etwas, das sich als geflügeltes Wort bei ihnen einprägte und was sie mit zurück auf die Insel nahmen: Dutch Courage – Holländischer Mut. Dabei handelte es sich um nichts anderes als eine gehörige Portion Genever, den sich die Soldaten mutantrinkend vor jeder Schlacht gönnten um Sinne und Schmerzempfinden ein wenig zu betäuben. Doch waren die Briten nicht in der Lage selbiges in vergleichbarer Art herzustellen und es entsand vielmehr ein Mysterium, denn ein neuer Konsumentenmarkt.

Queen Elizabeth I Feeds the Dutch Cow. – Während Queen Elizabeth I die Kuh „Niederlande“ füttert, sitzt der spanische König Philip II. auf ihr und bringt sie mit seinen Sporen zum Bluten. Gemolken wird sie von Wilhelm I. von Oranien. Diese satirische Zeichnung entstand um 1586 von einem unbekannten Maler | Quelle: www.wikipedia.de

Noch war Branntwein ein als minderwertig angesehenes Produkt, doch es wurde immer mehr konsumiert. Dies wird durch eine Steuereinführung im Jahre 1606 belegt. Da diese juristischen Akte meist für eine großmengige Konsumtion sprechen ist es ein gutes Anzeichen für eine weit verbreitete Anwendung – nicht nur zu medizinischen Zwecken. Auch verstand man, die Draft – also den Abfall der Kornmaische – als effektives Futtermittel einzusetzen, was einer Popularisierung zugute kam. Im Zuge des 30jährigen Krieges (1618 – 1648) flammte auch der Konflikt zwischen Spanien und den sich alsbald gründenden Niederlanden erneut auf, wurde jedoch auf Grund der finanziellen Engpässe der Spanier nicht konsequent geführt. Eben jene finanziellen Engpässe – die nicht nur die Spanier betrafen – sind es, die ebenfalls für eine Verbreitung des Wacholderdestillates führten. Denn die in den Konflikten eingesetzten Söldner – da es kaum Nationalstaaten gab musste man auf bezahlte, freischaffende Kämpfer zurück greifen – wurden zum großen Teil mit Alkohol und Beuteware bezahlt und waren die besten Botschafter für den neuen Alkohol, der in Mitteleuropa zügig bekannt wurde.

Es werde Gin – über die Rolle des Wilhelm III. von Oranien

Die vielleicht bedeutsamste Zäsur erfuhr das mit Wacholder versetzte Korndestillat jedoch erst Ende des 17. Jahrhunderts und ist auf das Engste verbunden mit Wilhelm III. von Oranien. Der Sohn des Prinzen Wilhelm II. von Oranien und der ältesten Tochter des englischen Königs – Maria Henrietta Stuart – bestieg nach der glorreichen Revolution 1688/89 als erster nicht-absolutistischer König den Thron von England, Schottland und Irland. Mit der Absetzung des alten Königs Jakob II. endete nicht nur der Absolutismus in Groß Britannien, sondern vielmehr begann die Zeit des Parlamentarismus. Die Thronbesteigung des vormaligen Statthalters der neu gegründeten Republik der Sieben Vereinigten Provinzen der Niederlande fällt mit der Verabschiedung der Bill of Rights zusammen, genauso wie dem Beginn der offenen Auseinandersetzung mit dem katholischen Europa – allen Voran mit dem Feind Frankreich, den Wilhelm schon im Französisch-Niederländischem Krieg offen austrug.

Bild links:  Statue von Wilhelm III. im Hafen von Brixham, wo er am 5. November 1688 mit seiner niederländischen Armee im Zuge der Glorious Revolution in England landete | Quelle: www.wikipedia.de

Eine der ersten wirtschaftlichen Erlässe war ein umfangreiches Importverbot französischer Produkte, unter das natürlich auch Wein und Brandy/ Cognac fiel (1689). Zum einen sollte dadurch gezielt die französische Wirtschaft getroffen werden, zum anderen jedoch natürlich die Niederländisch gestärkt. Durch den 1690 erlassenen Distilling Act wird nicht nur der Handel eingeschränkt, sondern auch den britischen Destillateuren vorgeschrieben, dass sie statt Wein oder Melasse nunmehr ihre Produkte auf Basis von Getreide herstellen sollen. Damit wurde dem Kornbrand und natürlich auch seiner wacholderaromatisierten Weiterentwicklung Tür und Tor geöffnet und er konnte seinen Siegeszug im britischen Empire antreten. Bisher kursierten vor alle die Begrifflichkeiten Genever oder Dutch Courage. Erst allmählich etablierte sich die für den anglophonen Sprachraum deutlich einfacher zu sprechende Kurzform Gin. Erstmalig erscheint dieses Wort 1714 in der Bienenfabel – einer politischen Satire von Bernard Mandeville. Dies spricht für eine schnelle und bedeutende Verbreitung des nunmehr auch in Groß Britannien hergestellten Destillats. Spätestens seit dem Tod Wilhelm III. 1702 und der Inthronisierung seiner Nachfolgerin Queen Anne wurde aus dem vormaligen Importprodukt eine Ware des Massenmarktes, denn als bekennende Liebhaberin des Gin erschuf sie fast unendlichen Freiraum zur Herstellung selbigen.