Der Versuch einer Geschichte oder Wie alles begonnen haben könnte

Einfach und komplex zu gleich – ebenso filigran und wuchtig. Frisch und leicht, aber auch gefährlich und hoch alkoholisch. Viele dieser scheinbaren Gegensätze lassen sich in dem wohl bekanntesten Drink der Welt finden. Der König der Cocktails, wie ihn viele nennen und Abbild eines genießerischen Selbstverständnisses. Kalt, kurz und brillant. All diese Attribute treffen fantastisch auf diese liquide Legende zu: den Martini Cocktail.

Von unsicheren Ursprüngen und wirren Entwicklungen

Wie so häufig lässt sich die Herkunft dieser flüssigen Institution kaum belegen, schon gar sollte man eine Anspielung auf die Originalität jener oder dieser Rezeptur vermeiden. Ihren Anfang nimmt die Geschichte wohl – wie viele andere auch – im Jahr 1806 mit der erstmaligen Erwähnung des Wortes Cocktail in der us-amerikanischen Zeitschrift The Balance and Columbian Repository aus New York. Dort wird am 13. Mai ein Getränk mit dem Namen Cock-tail erwähnt, dessen Ingredienzien Spirituose, Zucker, Bitters und Wasser sind und welche gemischt äußerst belebend wirken. Von dieser generellen Geburtsstunde der Getränke-Kategorie ist es ein langer und spannender, doch leider wenig beschriebener Weg bis zu dem Drink, den heute die ganze Welt kennt.
Es gibt viele Mythen über seine Entstehung und einige sind mit Namen bedeutender Bartender verbunden. War es der vielleicht erste große dieser Zunft – Jerry Thomas, der mit seinem 1862 erschienenen Bartenders Guide – How to mix Drinks und dessen letzter aktualisierten Auflage 1887 den Stein ins rollen brachte? Oder sein nicht minder berühmter Zeitgenosse Harry Johnson, der 1882 sein Bartender’s Manual herausbrachte? Diese Frage wird sich vielleicht nie abschließend beantworten lassen – es wäre auch fast schon schade, eine klare Antwort darauf zu finden und den Schleier der Geschichten zu lichten. Nicht einmal die Namensgebung ist tatsächlich verbrieft, wobei ein Bezug zur Firma Martini & Rossi die wohl sicherste Verbindung aufweist. Diese 1863 gegründete italienische Vermouth-Marke wurde im Zuge der Globalisierung natürlich binnen kürzester Zeit auch in den Vereinigten Staaten genossen – schließlich findet sich 1882 schon einen Vermouth Cocktail bei Harry Johnson, welcher neben diesem – damals vorwiegend italienischem – Kräuterwein zusätzlich Gomme Sirup, Maraschino und Bitters verlangt. Und nun wird es etwas kompliziert. Nachdem im Jahr 1887 das Buch Jerry Thomas’ posthum aktualisiert wird, taucht dort der Martinez Cocktail auf, der zusätzlich einen Old Tom Gin verlangt. Das ganze – für damalige Verhältnisse – klassisch geschüttelt, abgeseiht und mit einer Zitronen-Scheibe versehen. Wiederum nur ein Jahr später – 1888 – erscheint eine neue Ausgabe der Rezeptsammlung Johnson’s.
Dort taucht nun erstmalig der Martini Cocktail auf, welcher zusätzlich zu den geforderten Bestandteilen des Martinez ein paar Spritzer Curaçao oder Absinthe verlangt.  Diese Erweiterung ist für damalige Umstände sehr natürlich, waren Bartender doch nicht weniger kreativ und süchtig nach Neuerungen wie heute. Absinthe und andere exotische Liköre fanden gerade den Weg in die Bars Amerikas und wurden natürlich umgehen in bekannten Rezepturen verarbeitet.

Von Süß bis heute – ein Geschmack verändert sich.

Martinez Cocktail | © www.spirit-ambassador.de

Die häufig angeführte These der Abstammung des Martinis aus dem Martinez ist bei genauerer Betrachtung tendenziell in Frage zu stellen. Geschmacklich jedoch ist dies genau der Weg, den diese royale Mixtur genommen haben wird. Analog zur Entwicklung des Gins vom holländischen Genever über den durch Früchten angesüßte Old Tom Gin hin zum Dry Gin veränderte sich auch der allgemeine Gusto der Konsumenten von Süß hin zu trocken. Wir kennen alle diese Entwicklung, denn an uns selber lassen sich diese bei den verblassenden Erinnerungen an die ersten bitteren Probeschlücke des väterlichen Bieres oder des ersten Champagners nach jugendlichem Sekt auch entdecken. Die ausgewogene Süße eines Martinez, der nach rotem, italienischem Vermouth (wahrscheinlich Martini & Rossi) verlangt und pariert wird durch die opulente Aromatik des Old Tom Gins; verjüngt sich schon damals zu deutlich trockeneren Abwandlungen.
In der Geschichte des Gins ist hier vor allem der Name Aeneas Coffey zu nennen, welcher 1830 seine Coffey-Still patentieren ließ und somit die industrielle Destillation des Dry Gins ermöglichte. Durch eine Verbesserung im Herstellungsprozess konnte deutlich feinerer und klarerer Alkohol hergestellt werden, dem keine Süße zugeführt werden musste – und später nicht mehr durfte. Etwas früher kam man in der englischen Stadt Plymouth schon auf die Idee, weniger süßen Gin zu produzieren. Im Jahre 1793 begann der Black Frias Mönch Thomas Coates mit der Herstellung eines Dry Gins, den wir bis heute als Plymouth Gin bekommen. Und jener Gin scheint es zu sein, der den Übergang vom süßen Martini und dem Martinez hin zum Dry Martini darstellt, den Marguerite Cocktail. Hierfür wird explizit ein Plymouth gefordert, wie auch französischer Vermouth. Beides deutlich trockenere Produkte – man denke nur an Noilly Prat. Auch in Italien beginnt man auf diese Veränderung zu setzen und 1890 wird von Martini & Rossi ein Dry-Vermouth produziert. Neben der geringen Süße unterliegt auch das Verhältnis zwischen Gin und Vermouth einer Veränderung. Während anfänglich eine Mischung aus gleichen Teilen angeboten wurde, veränderte sich die Trockenlegung des äußerst populären Drinks sehr zügig hin zu einem 2:1 Verhältnis zu Gunsten des Gins. Louis Mückensturm, seines Zeichens Bartender und Betreiber von Louis’ Café in Boston ist der Erste, der 1906 in seinem Buch Louis’ Mixed Drinks jene Dry-Variante niederschrieb, die das Grundgerüst modernen Martini-Trinkens darstellt, obwohl auch er noch auf ein paar Spritzer Curaçao vertraut.
Es dauerte nicht lange, bis sich zu der Trinkweise auch das Glas gesellt, welches auf der ganzen Welt mit dem König der Cocktails assoziiert wird, denn Anfang des 20. Jahrhunderts wird dieses immer populärer und ist sogar bis heute Namensgeber für eine ganze Kategorie von Drinks – den sogenannten MarTINIS. Doch bis dahin werden noch einige Jahre vergangen und viele Martinis gerührt oder geschüttelt worden sein.