Mythen und Aufbruch – die undokumentierten ersten Jahrhunderte

Die Geschichte des Irish Whiskey ist eine Geschichte voller Höhen und Tiefen. Eine Geschichte von den Anfängen des uisce beatha und von den schlimmsten Widrigkeiten. Eine Geschichte von Wissen, Innovation, aber auch von Starrsinn, Hunger, Krieg und Vertreibung. Heinrich Böll würde wahrscheinlich sagen, eine ganz typisch irische Geschichte – zumindest jedoch eine mit einem aktuellen Happy End.

„Als Gott die Zeit gemacht hat, hat er genug davon gemacht“

In dem 1957 veröffentlichten „Irischen Tagebuch“ Bölls skizziert er ein Leben, welches mit dem unsrigen kaum etwas gemein hat und wohl auch nicht mehr auf das Irland des 21. Jahrhundert zutrifft. Seine Beobachtungen in jener Zeit jedoch treffen das Herz der Insel. Gekennzeichnet von Krieg, Teilung, Hunger und einer Wirtschaftskrise erlebt man Menschen, die voller Liebe sind. Menschen offenen Herzens, doch mit einer gewissen Grundmelancholie. Mit einer störrischen Liebe zum Leben und der Einsicht, dass es eh irgendwie weiter gehen muss und vor allem auch wird. Und diese Erkenntnis – wohl eine Mischung aus irischem Starrsinn, Gottvertrauen und einem Schluck Whiskey ist es, welche auch die Geschichte des irischen Whiskeys prägt. Doch beginnen wir so, wie viele Geschichten in Irland beginnen, mit einer Legende.

Bild links: Ruhe und Gottvertrauen finden sich überall in Irland | Quelle: www.wikipedia.org

aqua vitae, aqua mortes und jede Menge Freiheiten

Dieser Legende nach soll der heilige St. Patrick den Iren das uisce beatha gebracht haben. Dies jedoch ist zeitlich völlig unmöglich, erreichte doch das Wissen um die Herstellung aqua vitaes Europa erst viele hundert Jahre später. Das Christentum jedoch –  jene heilsbringende Religion, welche die Menschen auf eine bessere Zukunft hoffen lässt – brachte er unter das Volk. Eine der ersten Erwähnungen von uisce beatha findet sich verbrieft in den 1405 verfassten „Annals of Clonmacnoise“. Darin wird von einem Clanführer – Richard Magrenell – berichtet, welcher am Weihnachtsabend selbigen Jahres durch aqua vitae (in diesem Falle eher aqua mortes) zu Tode kam. Welch bittere Ironie des Schicksals, aber scheinbar gab es früher schon Menschen, die den Heiligen Abend nur mit ausreichend Alkohol erträglich fanden. Was jedoch damals die Basis jenen hochprozentigen Alkohols war, lässt sich heute nicht mehr genau beziffern, aber dass es zwingend Getreide gewesen sein muss, darf mit Fug und Recht angezweifelt werden. Zumindest scheint dieses vielseitige aqua vitae im seit dem 12. Jahrhundert durch die Engländer beherrschten Irland äußerst verbreitet und populär gewesen zu sein, wurde seine Herstellung doch im Jahre 1556 durch das englische Parlament für das Gros der Bevölkerung verboten.

Der Weg des Getreides und erste Sternstunden

Eine Wende dieser Politik erfolgte im Jahre 1608, als der damalige König von England, Schottland und auch Irland – James I. – seinem Gouverneur Sir Thomas Phillips eine Lizenz zur freien Herstellung von uisce beatha für die Region Coleraine ausgab. Dieses Dokument wird heute noch als das Gründungsdokument der modernen irischen Whiskeygeschichte angesehen. Weiterhin ist es fester Bestandteil des Gründungsmythos von Old Bushmills, jener Brennerei, die in dieser Region beheimatet ist. Es ist und bleibt eine Geschichte voller Legenden und Mythen, denn eine historisch einwandfreie Erzählung ist leider alles andere als möglich. Doch dass es damals eine große Kultur des Destillierens gab, wird durch Fynes Moryson bestätigt, eines englischen Autors, welcher 1617 schrieb: „irish aqua vitae – commonly called usquebaugh – is held the best in the world of that kind, which is also made in England – but nothing so good as which is brought out of Ireland.“ (zit. nach: Susan Flavin: Consumtion and Culture in Sixteenth-Century Ireland; p. 155). Auch hier jedoch erfolg noch kein konkreter Hinweis auf eine Exklusivität des Getreides, wobei auf Grund der geographischen Lage und der klimatischen Bedingungen dies wohl als Hauptquelle zur Gewinnung anzusehen ist.
Bevor dies mehr als 100 Jahre später geschehen soll, wird Mitte des 17. Jahrhunderts erstmalig eine flächendeckende Besteuerung der Herstellung von aqua vitae eingeführt, welche jedoch nur auf den reinen Ausstoß gerechnet wird und scheinbar auf einer Art freiwilliger Basis abgeführt wird. Auch dies sollte sich erst 1761 ändern. Bis dahin jedoch unterschied man in Irland zwischen sogenanntem „Parliament-Whiskey“ und „Poitin“ – also steuerlich relevantem Alkohol und Schwarzgebranntem. Der Begriff Poitin leitet ab von kleineren und somit schnell abbaubaren Brennblasen (small pot), welche zur Schwarzbrennerei bestens geeignet waren. Heute wird dieser Begriff – ähnlich wie Moonshine in den USA genutzt, um ungelagerte Rohdestillate mit einem Hauch Anrüchigkeit zu bewerben.

Die Old Bushmills Brennerei | © Reidemeister & Ulrichs

In dieser Zeit wurde uisce beatha zur meist konsumierten Spirituose auf der grünen Insel. Doch leider schien es in selbiger Zeit mit der Qualität bergab zu gehen, was jedoch im Jahre 1759 zu einer unschätzbar wertvollen Verordnung führte. Seit damals dürfen zur Herstellung besagten uisce beathas nur noch Malz, Getreide, Kartoffeln oder Zucker herangezogen werden. Ein wichtiger Schritt in Richtung des uns heute bekannten Whiskeys, aber leider noch immer nicht eine einhundertprozentige Fixierung auf Getreide.

uisce beatha, Whisky und Whiskey

Vier Jahre zuvor tauchte jene Kurzform des gälischen uisce beatha auf, die wir bis heute verwenden: Whisky – damals tatsächlich noch ohne das berühmte irische ‚e‘, welches ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal in Bezug auf schottische Whiskys ausmacht. Angeblich stammt das zusätzliche ‚e‘ von Brennern in Dublin, die es einfach der Exklusivität halber auf ihre Etiketten brachten um sich vom ländlichen Whisky abzuheben. Jedoch zogen die anderen Destillerien nach und seit dieser Zeit schreibt sich irischer Whiskey mit einem zusätzlichen ‚e‘ – eine tatsächlich tiefere Bedeutung gibt es dabei nicht.

Steuergesetze und der Weg in die Illegalität

Pot Stills sind für den typischen Stil irischen Whiskeys unumgänglich – hier die von Old Bushmills | © Reidemeister & Ulrichs

Neben einer allmählichen Definition der Kategorie irischen Whiskeys organisierte sich in dieser Zeit auch das Steuerrecht neu. 1779 änderte man das Steuergesetz dahingehend, dass nunmehr nicht ein tatsächlicher Output zur Berechnung der Abgaben herangeführt wurde – hier stellte man eine zu große „Flexibilität“ der Brenner fest; sondern man besteuerte den potentiellen Output einer Brennerei anhand der Größe der Brennblasen. Dies führte vor allem zu einer vehementen Benachteiligung kleinerer Brennereien, welche ihr Potential niemals ausschöpfen konnten, was wiederum zu einem drastischen Rückgang offizieller Destillerien führte. Waren im Jahre 1779 noch 1.228 Brennereien registriert, so waren es 1790 nur noch 246 und 1821 ganze 32. Neben der neuen Besteuerung des Alkohols führte man 1785 auch eine Steuer auf Malz ein. Diese existierte in England bereits seit 1697 und in Schottland seit 1725.
Nun auch Irland. Hier jedoch zeigt sich die typische irische Mentalität, denn dieser vermeintlich Einschnitt und die Erschwerung der täglichen Arbeit war der Anlass zur Herausarbeitung eines eigenen irischen Whiskey-Stils. Die meisten Brennereien reduzierten einfach den Anteil des gemälzten Getreides auf ein notweniges Minimum, um eine Fermentation zu ermöglichen und ersetzen den Rest einfach durch ungemälztes Getreide – zumeist auch Gerste. Dieses in den für Irland typischen Pot Stills ergab den bis heute berühmten „pure pot still“ Stil. Diese Änderung betraf nicht nur die verbliebenen registrierten Brennereien, sondern auch die unzähligen Schwarzbrenner auf dem Land.

Einsichten und ein Neubeginn

Während die Besteuerung des Malzes damit kaum ein Problem für die irische Whiskey-Industrie darstellte, war es die 1779 eingeführte Steuersystematik sehr wohl. Diesen Fehler jedoch – vor allem die fehlenden Einnahmen – registrierte man und so änderte sich 1823 das Gesetz und die Steuern wurde auf die Hälfte heruntergesetzt. Das Ziel dieser Reduzierung war die Hoffnung, dass sich dadurch mehr Brennereien legal registrieren lassen würden. Diese Hoffnung erfüllte sich. Weiterhin wurde die Steuer nun auch erst auf verkaufte Whiskeys erhoben und nicht auf produzierte, so dass erstmalig eine Lagerung sinnvoll erschien, da man sich damit kein Kapital band. Dieser Excise Act stellt eine bedeutende Zäsur für den irischen Whisky dar und läutete die goldene Ära dieses Destillates ein.