Das 19. Jahrhundert einer stolzen und verletzten Nation

Das 19. Jahrhundert hielt einiges bereit für den irischen Whiskey. Tiefschläge, Katastrophen, Steuergesetze und Goldene Zeiten – das volle Programm. Vor allem zum Ende dieser Ära schien es einen versöhnlich Ausgang zu nehmen, welcher auf weitere Jahre voller Prosperität verwies. Doch es sollte anders kommen, wie es so oft kam in der Geschichte Irlands und seines Whiskeys.

Die irische Unabhängigkeit

Es sind im 20. Jahrhundert vor allem politische Situationen, welche die Geschicke des irischen Whiskeys beeinflussen und die, wie es allzu oft ist, viel früher ihren Ausgangspunk finden, aber gerade in den ersten Jahrzehnten ihren Weg brachen.

Mit dieser Deklaration begann nach langer Leidenszeit der Unabhängigkeitskampf der Iren gegen das britische Empire | Quelle: wikipedia.org

Seit nunmehr 800 Jahren wurde das irische Volk eigentlich durchgängig durch die englische Krone beherrscht und dies zumeist nicht wohlwollend. Doch spätestens seit der großen Hungerkatastrophe in den Jahren 1845 bis 1852 formierte sich ein Widerstand gegen die britische Herrschaft, welche am Ostermontag um 12 Uhr mittags mit der Verlesung der Oster-Proklamation begann. Es folgten fünf Tage des blutigen Aufstandes der Irish Citizen Army und der Irish Volunteers – beide verschmolzen später zur IRA, welche jedoch mit der Niederschlagung durch die britischen Besatzer endete. Die nachfolgenden Repressalien durch die britische Regierung brachten den überlebenden Aufständischen die Sympathien des irischen Volkes und es formierte sich ein breites, auch politisches Bündnis.
Der politische Arm dieser Unabhängigkeitsbewegung, die Sinn Féin Partei erhielt bei den im Dezember 1918 stattfindenden Wahlen die Mehrzahl der Stimmen und im Januar 1919 erklärte sich das neugegründete irische Parlament mitsamt des Landes für unabhängig. Der daraus entstehende irische Unabhängigkeitskrieg bis 1921 endete mit dem am 11. Juli 1921 verfassten Anglo-Irischen Vertrag, welches die Gründung eines irischen Freistaates innerhalb des bestehenden Commonwealth vorsah. Den sechs nordirischen Grafschaften Antrim, Down, Armagh, Fermanagh, Tyron und Derry/ Londonderry wurde es freigestellt, sich diesem neuen Freistaat anzuschließen, worauf jene sich 1922 zu Nordirland und damit London näher als Dublin erklärten. Es spaltet sich das Land in zwei politisch, aber auch religiös sich entgegenstellende Regionen, ein Schritt der das Land für immer prägen wird und tiefe Wunde hinterließ.
Die Unabhängigkeit Irlands ging nicht nur mit Gewalt einher, Groß Britannien verhängte auch ein Handelsembargo gegen alle irischen Produkte für das gesamte Commonwealth, was natürlich den Export irischen Whiskeys extrem begrenzte.

Eine wiederkehrende Erfahrung auf einem anderen Kontinent

Der Friedensvertrag und die Gründung des irischen Freistaates am 6. Dezember 1922 beendeten zwar die Auseinandersetzungen, aber das Kind war längst viel zu tief in den Brunnen gefallen. Der einzige noch bedeutende Exportmarkt für die irische Whiskey-Industrie waren die Vereinigten Staaten von Amerika; und ausgerechnet diese führten mit dem 18. Zusatzartikel der Verfassung vom 16. Januar 1919 im Jahre 1920 die flächendeckende Prohibition ein. Damit gab es außerhalb Irlands keinen nennenswerten Absatzmarkt für die Whiskeys und der heimische Markt litt extrem an einer durch den britischen Boykott ausgelösten Wirtschaftskrise. Dies war eine verheerende Situation für die Brenner der grünen Insel. Und das „noble Experiment“ der Amerikaner hatte nicht nur kurzfristige Folgen.
Nicht nur dass in den 13 Jahren der politischen Trockenheit die Schotten unter dem Deckmantel des Commonwealth vor allem über Kanada hektoliterweise ihren leichten und bekömmlichen Blended Scotch Whisky schmuggelten und somit ein flächendeckendes Marketingwerkzeug nutzten; die Iren waren auf Grund ihrer innerländischen Situation – und vielleicht auch durch mangelnde kriminelle Energie – nicht in der Lage, ihren Whiskey in das Land der Millionen Durstigen zu schiffen. Und so geriet der vormals geliebte Irish Whiskey langsam aber sicher in Vergessenheit. Schlimmer noch, allzu häufig wurde der Name ‚Irish Whiskey‘ missbraucht für fürchterlichst zurecht gepanschte Fuselalkohole, die illegale gehandelt wurden und zumeist gar nichts mit den Destillaten der weit entfernten Insel zu tun hatten.

Legalen und damit qualitativ hochwertigen Alkohol gab es zur Prohibitionszeit in den USA häufig nur mit diesen Rezepten. Irish Whisky zählte damals nicht dazu. | Quelle: wikipedia.org

Einzig die Brennerei Old Bushmills und ihr scheinbar hellseherischer Manager Samuel Boyd sahen das Ende der Prohibition bevor und produzierten daraufhin ausreichend Whiskey in den Jahren. Alle anderen irischen Brennereien hatten ihre Produktion soweit zurück gefahren und waren nun nicht in der Lage, den wiedereröffneten US-Markt zu bedienen. Sie verloren ein zweites Mal ihren wichtigsten Handelsplatz, doch es sollte noch schlimmer kommen.

Die Folgen des irischen Starrsinns

Im Laufe des zweiten Weltkrieges, spätestens jedoch mit dem Eintritt Groß Britanniens und des Commonwealth – deren Mitglied Irland zu dieser Zeit noch war – wurden das Whiskey-Destillieren schier unmöglich, da man das Getreide zur Versorgung der Truppen benötigte. Weiterhin dienten viele Destillerien als Lagerplätze bzw. wurden zur Unterbringung alliierter Truppen genutzt. Diesen Umstand hätte man eigentlich nutzen können um am Ende des Krieges den heimkehrenden Soldaten eine ordentliche Leidenschaft für irischen Whiskey einzuimpfen – doch leider blieb dies aus. Vor allem auf Grund fehlender Stocks. Und zum anderen, weil der vormals so populäre irische Whiskey-Stil nicht mehr en vogue war. Es waren wieder einmal die Schotten, die den Iren das Wasser abgruben, denn jetzt rächte sich die Ignoranz gegenüber dem einhundert Jahre zuvor eingeführten Coffey Still Verfahren auf das deutlichste. Schon 1909 wurde für Groß Britannien Dieses völlig legitim als zulässige Produktionsmethode für Whisk(e)y deklariert und durch eine Kommission bestätigt – sicherlich auch ein politischer Affront der Briten gegen die Iren.

Bisweilen ist Irish Whiskey einer unter vielen im größer werdenden Konzert der internationalen Szene und muss sich seinen Platz anstrengend behaupten. | © www.spirit-ambassador.de

Old Bushmills Distillery – ein Ort der Geschichte und des Weitblicks | Quelle: Reidemeister & Ulrichs

Das Ende?

In der Mitte des 20. Jahrhunderts befand sich der irische Whiskey – ehemals das populärste Destillat der Welt – auf einem absoluten Tiefpunkt. Wurden 1900 noch rund 12 mio. cases produziert, so waren es nunmehr kaum 500.000 cases. Der irische Whiskey war ein einem Zustand, für den Stagnation eine völlig euphemistische Beschreibung wäre. Wenn Heinrich Böll im Jahre 1957 in seinem irischen Tagebuch das Skelett einer menschlichen Siedlung beschreibt, so trifft dies wohl mehr oder weniger auch auf den Zustand der Whiskey-Industrie diesen Landes zu. Von ehemals knapp 1.500 Brennereien – zugegeben, die meisten davon illegal – blieben Mitte des 20. Jahrhunderts gerade mal 2 übrig – Old Bushmills und Midleton. Doch es wäre nicht Irland, wenn dies ein Grund zur Aufgabe wäre. Denn schließlich wird es weiter gehen. Und das tat es, denn als Gott die Zeit gemacht hat, hat er ausreichend davon geschaffen – und dies war nicht aller Tage Ende.