Das lange 20. Jahrhundert und ein neues Zeitalter

„Eine Tasse Tee, so bei Sonnenaufgang, wenn man fröstelnd im Westwind steht, während die Insel der Heiligen sich noch im Morgendunst vor der Sonne verbarg; auf dieser Insel also wohnt das einzige Volk Europas, das nie Eroberungszüge unternahm, wohl selbst einige Male erobert wurde, von Dänen, Normannen, Engländern – nur Priester schickte es, Mönche, Missionare, die – auf dem seltsamen Umweg über Irland – den Geist thebaischer Askese nach Europa brachten; vor mehr als tausend Jahren lag hier, so weit außerhalb der Mitte, als ein Exzentrikum, tief in den Atlantik gerutscht, Europas glühendes Herz…“ (Heinrich Böll, Irisches Tagebuch; S. 14f.)

Aus der Nacht in einen langen Sonnenaufgang

Mit großen Worten beschreibt der reisenden Heinrich Böll die Momente, in denen er das erste Mal Irland vom Schiff aus erblickt. Schwer wirken sie, und wundersam. Das Gefühl des irischen Nebels, seine Kälte und Nässe stecken in den Gliedern und man sehnt sich förmlich nach der Tasse Tee. Oder einem der typischen irischen Whiskeys – am besten beides. Das 20. Jahrhundert – die Zeit, in der Böll sich in diese so sonderbare grüne Insel verliebt – scheinen sich rückwirkend ähnlich anzufühlen. Kühl, abweisend und doch voller Reiz. Durch die Unabhängigkeit, sowie die Spaltung Irlands und den politischen als auch wirtschaftlichen Folgen, befand sich das Land in einer schweren Lethargie. Und mit ihm auch die Whiskeykultur. Von der blühenden Brennerei-Landschaft vergangener Tage war nicht mehr viel übrig.

Midleton Distillery – die Heimat von Jameson Whiskey | © Natalia Pavlova via fotolia.org

Auch der Ruhm, den die Destillate auf der ganzen Welt inne hatten war nur mehr eine nebulöse Erinnerung. In den Bars fanden sich Mitte/ Ende des 20. Jahrhunderts nur wenige Flaschen irischer Provenienz. Mal ein Jameson, ein Paddys (im übrigen immer noch des Autors liebster irischer Whiskey auf Eis) oder Tullamore DEW. Richtig gut wurde das Angebot, wenn man einen Bushmills fand. Es waren dunkle Zeiten. So eingeschränkt wie das Angebot, war auch die Brennerei-Landschaft, wurden doch alle verfügbaren Whiskeys in nur drei Brennereien destilliert. Cooleys, Midleton und Old Bushmills. Böse Zungen behaupteten, bei Jameson, Paddys und Redbreast seien nur die Marketing-Budgets unterschiedlich verteilt, der Rest sei mehr oder minder das Gleiche (alle drei Beispiele wurden und werden in Midleton destilliert).
Dieser abfällige Scherz steht nicht nur für den Niedergang der einstmals blühenden Kategorie, sondern auch für das Verschwinden und Vergessen von Wissen über die älteste Whiskey-Kultur der Welt.

Von Nichts und Allem

Doch es wäre keine irische Geschichte, wenn sich daran nichts ändern würde – und vor allem, wenn diese Änderung nicht aus einer völlig unerwarteten Richtung käme. Diese Richtung – und hier bewahrheitet sich das alte Sprichwort „wenn der eine niest wird der andere krank“ – war Süden, war England. Dort entwickelte sich Ende der 1980er Jahre – parallel zu den USA im übrigen – eine Mikro-Brauer Szene, die sich auf Qualität und Herkunft fokussiert und gegen einen uniformistischen Einheitsgeschmack aufbegehrt. Diese Bewegung wurde über die Zeit hinweg größer und größer und schwappte auf die Spirituosen-Szene über – schließlich ist der Weg vom Bier zum Destillat ein sehr kurzer. Und so war es rückwirkend betrachtet nur eine logische Entwicklung, als 2009 in einem Londoner Hinterhof eine kleine 300 Liter copper still angefeuert wurde und ein erster craft spirit entstannt: Sipsmith Gin. Dessen Geschichte soll an einer anderen Stelle erzählt werden.
Der Effekt jedoch war gigantisch und hatte Auswirkung auf alle möglichen Spirituosen-Kategorien. Auch im manchmal so nah und doch so weit entfernten Irland, wo die Rückbesinnung auf Herkunft und Handwerk zusätzlich durch eine wirtschaftlichen Flaute der späten 1990er Jahre begünstigt wurde. Auch wenn diese Ansicht vielleicht etwas irritierend erscheint, so sind es zumeist Krisen, in denen durch Improvisation und Reduktion auf das wenige Vorhandene Neues geschaffen wird – zumal die irische Seele im Umgang mit Krisen äußerst geübt ist.
Es waren verrückte Zeiten, geprägt durch Unsicherheit und zugleich Tatendrang. Ein bedeutendes Zeichen war das Engagement der Firma William Grant & Son – der Eigner von Glenfiddich und Balvenie, aber auch Designer-Produkten wie Hendrick’s Gin und Sailor Jerrys Spiced Rum, welcher 2010 Tullamore Dew von Cantrell & Cochrane übernahmen. Eine spannende Übernahme, hat man doch bei William Grant gebündeltes Knowledge von Tradition und Moderne – sowohl in Produktion als auch in Marketing. Dies war ein wichtiger Schub und Wasser auf die Mühlen jener, die im Kleinen anfingen, sich wieder mit irischem Whiskey zu beschäftigen. Doch den weitreichendsten Effekt hatte eine andere Ankündigung.

Erstrahlt in neuem Glanz – die Brennerei von Tullamore D.E.W. | © William Grant & Sons.

Der Jameson-Effekt

Als im Jahre 1988 die Vereinigung der Irish Distillers von Pernod Richard übernommen wurde, war dies eine Melange aus Überlebenskampf und Hoffen auf bessere Zeiten. Die damals größte irische Whiskeymarke verkaufte 466.000 cases weltweit, wobei die irische Heimat der bedeutendste Markt war. Von daher ist es völlig fair zu behaupten, dass Jameson wie keine andere Marke für Irish Whiskey steht. Eben jene Marke – Jameson – und die dazugehörige zweitgrößte Spirituosenfirma der Welt setzten im selben Jahr 2010 ein noch viel deutlicheres Zeichen, als man eine 200 mio. € Investition ankündigte. Was für ein Donnerschlag. Und das im selben Jahr, in dem Irland in das Notfallprogram des IWF aufgenommen wurde. Kapital, Erfahrung und Überzeugung – diese drei wichtigen Momente kamen zusammen und sorgten anhand einer Marke für einen Marktaufschwung von dem alle profitierten. Wenige Jahre später – 2015 – verkaufte Jameson 5 mio. cases – ein enormes Wachstum.

Industriegrößen und Startups

Im Soge der Entwicklungen verhalf der Jameson-Effekt auch allen anderen vorhandenen Marken, sowie den vielen kleinen Neugründungen. Das frisch von den Schotten übernommen Tullamore Dew – dieses Marke benannt nach der kleinen Stadt im Herzen Irlands legte binnen kürzester Zeit eine unglaubliche Entwicklung hin. Als 1994 C&C die Marke kaufte verkaufte sich der Whiskey nicht schlecht in Europa, doch für einen globalen Erfolg fehlte eine wichtige Komponente – Herkunft. Destilliert wurde er wie viele andere Marken auch in Midleton und war damit in seiner Story relativ gesichtslos. Doch in der neuen Konsumwelt ist eine glaubhafte Geschichte von existenzieller Notwendigkeit und dafür fehlte dem Snack- und Softdrinkproduzenten C&C einfach das Wissen und die Erfahrung. Dieses brachte man bei William Grant & Sons mit. Und 300 Millionen Euro. Der Schlüssel zum Erfolg war eine eigene Destillerie, welche man 2012 präsentierte und ab 2013 baute. Etwas mehr als 60 Jahre nach der Schließung begann man vor Ort wieder mit dem Bau einer neuen Brennerei – home coming. Und aus Tullamore Dew wurde wieder Tullamore D.E.W. – der Verweis auf den damaligen Geschäftsführer Daniel Edmond Williams aus eben jenem Tullamore. Nunmehr waren es Spirituosenexperten, welche die Leuchtfeuer irischen Whiskeys wieder entzündeten. Pernod Ricard bei Jameson, Diageo bei Old Bushmills und William Grant & Sons bei Tullamore. Einzig Cooley wurde nicht von einem multinationalen Konzern gelenkt. Dies war in einer Zeit der Markenbildung ein entscheidender Nachteil, denn nur über starke Marken konnte die Kategorie Irish Whiskey global zu einer Erfolgsgeschichte werden. „Making great spirits doesn’t count for a hill of beans, of you can’t get someone to buy“ (Peter Mulryan – The Whiskeys of Ireland).

Die Teeling Boys vor der neuen Brennerei in Dublin. Ein Sinnbild für die Jugendlichkeit und Frische des alten irischen Whiskeys | © Borco

Doch auch hier sollte sich die Situation schlagartig ändern – nur ein Jahr nach den anderen großen Investitionen trat 2011 Beam (damals Beam Global, heute Beam Suntory) auf den Plan. Diese kauften Cooley und damit ebenfalls die Brennerei Kilbeggan. Und Beam hatte einen großen Vorteil: es ging den Amerikanern weniger um das Geld als um die Whiskey-Stocks. Der Kopf dieser Arbeit war John Teeling – vielleicht so etwas wie der Vater der irischen Whiskey-Rennaissance. Auf jeden Fall Vater der Brüder Jack und Stephen Teeling. Ein Name, dessen Geschichte aufs engste verknüpft ist mit der modernen Entwicklung der irischen Whiskeylandschaft und dessen Name mittlerweile auf eigenen Flaschen steht. Im Übrigen auch der Name, der dafür sorgte, dass im Juni 2015 erstmals seit 125 Jahren in Dublin wieder Pot Stills für die Herstellung von Whiskey befeuert wurden.
Die Marke Teeling – tatsächlich erst als Marke gedacht und dann als Produkt realisiert wählte nicht umsonst den Phönix als ihr Wappen. Denn hier schließt sich der Kreis vom Jameson-Effekt über neue, mittlerweile etablierte Marken hin zu vielen kleinen Brennereien, welche gerade dabei sind, das Licht der Welt zu erblicken.

Hoffen, Frohlocken und realistisch bleiben

Irischer Whisky ist aktuell eine der am rasantesten wachsenden Spirituosenkategorien der Welt. Phönixgleich steigt er aus der Asche der Vergangenheit und strahlt am Himmel. Viel Geld und Kraft wurde in den letzten Jahren investiert und ein Ende ist nicht in Sicht. Vor kurzem erst hat der größte Spirituosenkonzern der Welt – Diageo – seine Rückkehr auf den Markt mit Irish Whiskey verkündet. Mit der neuen Marke Roe & Co – einer Reminiszenz an die alte George Row Destillerie in Dublin. Jene 1757 in der Thomas Street in Dublin gegründete Brennerei war in vergangenen Tage einer der größten Whiskey-Produzenten der grünen Insel. Die Stills jedoch sind seit Anfang der 1920er Jahre kalt. Dies will man ändern – wie bei so vielen traditionellen Marken und Geschichten, bei denen man sich anschickt, sie wieder zu beleben. Die Zeit wird zeigen, wie die Zukunft der ältesten Whiskeynation der Welt ausschaut. Wir sind genießende Beobachter.
So ist das mit der Zeit in Irland. Auf Gottes grüner Insel gibt es viel davon. Und man hat reichlich Zeit, sich ihrer zu bedienen. Ob nun himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt. Es ist ein Abbild der irischen Seele. Und freuen wir uns über die heutigen Zeiten – es werden vielleicht irgendwann wieder andere kommen. Aber daran denken wir nicht. Denn das geschieht, ob man es will oder nicht. Auch das hat uns die Geschichte irischer Whiskeys gezeigt. Am Ende geht es immer weiter. Und Böll hatte recht: „Als Gott die Zeit gemacht hat, hat er genug davon gemacht