Von Zeiten und Orten

„Every great story begins with a time and a place“. Eine Einleitung, wie sie nicht besser hätte aus einem Handbuch für Produkt-Marketing kommen können. Tut sie auch – ist sie doch einer der Slogans der ältesten Rum-Destillerie der Welt: Mount Gay. Diese berühmte Barbados Brennerei rühmt sich damit, seit 1703 kontinuierlich Rum herzustellen und damit als die Älteste ihrer Art zu gelten. Dies wird von niemandem bestritten. Doch was steckt dahinter? Schließlich kann in 300 Jahren eine Menge passieren. Nehmen wir uns ein Glas und schauen zurück in eine Geschichte von Engländern, amerikanischen Präsidenten und Segelbooten. Eine leichte, salzige Brise um die Nase und schon geht es los.

Von Bärten und langen Traditionen

Mount Gay Rum ist wie viele seiner Artgenossen nicht zu trennen von dem Land, auf dem er entsteht und dieses Land ist Barbados. Für Europäer ist diese Insel der kleinen Antillen erst seit 1536 bekannt, als sie vom portugiesischen Entdecker Pedro Campos zuerst besucht wird. Ihr Name kann mit „die Bärtigen“ übersetzt werden und kommt angeblich von den bartähnlichen, frei hängenden Wurzeln der Feigenbäume. Die einheimische Bevölkerung wurde durch die iberischen Besatzer versklavt und auf andere Inseln verschleppt oder floh. Erst im Jahre 1625 wurde die Insel neu besiedelt, als Engländer sie übernahmen und eine Infrastruktur errichteten.

Nur von dieser Insel – Barbados – stammt das Zuckerrohr für Mount Gay Rum | © Remy-Cointreau

Sie erkannten die reichen Böden und den großen Vorteil der eher flachen Struktur der Insel –  nahezu perfekte Bedingungen für den Anbau von Zuckerrohr und damit auch prädestiniert für die Weiterverarbeitung des entstehenden Abfallproduktes. Angeblich produzierte man erstmalig schon 1637 auf der Insel ein Melasse-Destillat. Mount Gay ist davon quasi das letzte verbliebende Relikt einer frühzeitigen Rum-Kultur der englischen Seefahrt. Angeblich gibt es schon aus dem Jahr 1663 eine Auflistung von zur Destillation gebrauchtem Inventar, aber offiziell gilt als bestätigtes Datum der 20. Februar 1703. Ein auf diesen Tag fallendes Dokument verbrieft die Herstellung von Rum in einer eigenen Pot-Still – damals jedoch noch lange nicht unter dem Namen Mount Gay.

Zwei Familien aus England

Ursprünglich hieß die anfänglich 280 acre große Plantage Mount Gilbou und gehörte einem gewissen William Sandifort, der diese jedoch 1747 an John Sober verkaufte. Dieser Herr verweilte doch kaum auf Barbados und benötigte von daher einen Verwalter. Eben jener wurde im Jahre 1787 Sir John Gay Alleyne. Seine Familie hatte langjährige Erfahrung mit dem Betreiben von Zuckerrohrplantagen, führte sie doch seit Ihrer Übersiedlung aus dem englischen Devonshire im frühen 18. Jahrhundert die Upper Plantage. John Gay Alleyne war jedoch nicht nur ein profunder Plantagenbetreiber, er war auch insgesammt 40 Jahre Mitglied des Parlamentes auf Barbados und schon in frühen Tagen trotzt seiner Plantagenverbindung ein entschiedener Gegner der Sklaverei. Und später der Namenspatron für die älteste Rum-Brennerei der Welt. Seinen Job als Verwalter muss er jedenfalls so gut gemacht haben, dass nach seinem Tod 1801 der eigentliche Besitzer die Gilbou-Plantage nach ihm benennen will. Da es jedoch schon eine Mount Alleyne Plantage auf Barbados gab – schließlich führte dessen Familie auch eigene Unternehmungen – entschloss man sich, den Mittelnamen Gay zu nehmen um dem Verstorbenen die Ehre zu erweisen. Und somit beginnt der zweite Teil der Geschichte von Mount Gay, der Plantage und ihrer Rums.

Weltruhm und amerikanische Politik

Einer der bedeutendsten Fans und damit wohl auch Förderer des Rums von Barbados: George Washington | Quelle: wikipedia.org

Die Familie Sober betrieb die Unternehmung noch bis in das Jahr 1860 hinein; erst dann verkaufte man das Land und die Besitztümer an die Thornhill Familie. Dieser auch in England beheimatete Industriellen-Clan war jedoch nie auf der Insel, so das die Geschicke der Plantage weitestgehend durch Verwalter bestimmt wurden. Erst als im Jahre  1918 der Besitz an den Geschäftsmann Aubrey Fitzobert Ward überging, erfolgte eine Weiterentwicklung des Status quo. Jener Ward kaufte schon einige Jahre zuvor – 1908 – die Fairfield Sugar Estate und begann allmählich, ein zusammenhängendes Geflecht zu schaffen, welches eine internationale Nachfrage generieren, aber vor allem auch beliefern konnte.

Die Nachfrage nach Barbados Rum war jedoch vorher schon gegeben, vor allem in der neuen Welt. Rum war schon ab dem 17. Jahrhundert ein zentraler Angelpunkt eines Handelsnetzes zwischen dem neuen Amerika, der Karibik und Afrika. Es war eines der Produkte, welches den Dreieckshandel zwischen diesen Räumen bestimmte – sehr zum Missfallen der alten europäischen Mächte. Rum war somit nicht nur ein Politikum, sondern vielmehr auch ökonomischer Schmelztiegel von Ethnien und Kulturen und wenn er von Barbados kam, so war er überall geschätzt. Ein bedeutender Fan der Destillate der kleinen britischen Enklave war der erste Präsident der neugegründeten USA, George Washington. Zwei mal sollten sich die Wege kreuzen von Barbados Rum und seiner politischen Entwicklung.

Nachdem er bei seiner ersten Wahl zum Abgeordnetenhaus Virginias durchfiel, gelang ihm 1758 der Einzug in das Parlament – wohl auch, weil er am Vorabend der Wahl ein rauschendes Fest gab, bei dem neben 50 Gallonen Punsch auch viel Bier und Cidre für gute Laune sorgten. Weiterhin gab es 28 Gallonen Barbados-Rum. Washington wusste, wie man sich Freunde macht. Als er Jahre später am 30. April 1789 anlässlich seiner Inauguration eine weitere politische Party schmiss, war auch hier Barbados-Rum ein bedeutender Garant guter Laune. Dies ist vor allem unter einem ökonomisch-politischen Aspekt interessant, war doch Barbados zu dieser Zeit noch britisches Herrschaftsgebiet und nach dem Unabhängigkeitskrieg der Import britischer Zoll-Produkte in die jungen USA untersagt. Auf Grund der geschätzten Qualität des Rums von der kleinen Insel war es Washington jedoch egal, dass er an seinem ersten Tag als Präsident gegen ein Gesetzt des Kongresses verstieß. Die Feier jedenfalls soll legendär gewesen sein. Jegliche Überlegungen, humoristische Vergleiche zur damaligen Inauguration Washingtons und der letzten Vereidigung des amtierenden 45. Präsidenten anzustellen, obliegen an dieser Stelle dem geneigten Leser selber – sind jedoch wärmstens empfohlen.

Tradition und Moderne

Mit einer solchen Geschichte, voller Tradition und Qualität lässt sich die Welt erobern. Und diese Idee hatte auch besagter Aubrey Ward. Mit ihm begann die internationale Vermarktung von Mount Gay Rum, auch wenn einige juristische Entscheidungen augenscheinlich den Weg erschwerten. So bestimmte man 1906 zum Beispiel, dass die Produzenten von Rum, also die Plantagen, eben jenen nicht als fertiges Produkt verkaufen durften. Es mussten sich also Handelsfirmen gründen, die Rums von den Plantagen als eigene Marken weiterverkauften. Einige Jahre später – 1926 – gründeten also A.F. Ward, sowie dessen Partner John F. Hutson und J.W. Brown die Mt. Gay Distilleries in Bridgetown. Diese Unternehmung kaufte Rum, blendete ihn und exportierte das fertige Produkt in die ganze Welt. Brown verließ 1930 die junge Firma und diese wandelte sich im Laufe der Zeit 1942 zu einer Ltd., welche ein Jahr später 1943 eingegliedert wurde in „The Rum Refinery of Mount Gay Ltd.“. Der Bedarf an Zuckerrohr wurde durch die gesteigerte Nachfrage so groß, dass man sich zwischendurch genötigt sah, jenen wichtigen Grundstoff auch aus Guyana oder der Dominikanisches Republik zu importieren.

Die Pot-Stills von Mount Gay | © Remy-Cointreau

Dies hat man jedoch seit einigen Jahren unterbunden und nunmehr kommen alle benötigten Zutaten wieder ausschließlich von der Insel Barbados, schließlich bedarf es dieses besonderen Ortes für diesen einzigartigen Rum. Trotz allen Erfolges blieb Mount Gay Rum in seiner Struktur bis 1989 ein Familienbetrieb. Erst mit dem Tode von Darnley DaCosta Ward, dem letzten Sohn von Aubrey Ward wurde die Firma verkauft an das heutige Konstrukt Remy Cointreau, welches seitdem die Geschicke von Mount Gay leitet und dabei bewusst auf handwerkliche Tradition setzt. Unter dieser Ägide fiel auch die Entscheidung, wieder ausschließlich Barbados-Melasse zu verwenden, ist es doch ein Leitmotiv vieler Produkte des Hauses, dass Terroir entscheidend ist.

So wird noch heute in nach oben geöffneten hölzernen Fermentationsbottichen für rund 72 Stunden die Melasse zur Gärung gebracht, um sie anschließend sowohl in Pot-Stills als auch in Kolonnen zu destillieren, wobei – ähnlich des amerikanischen Bourbon-Whiskeys – ein sogenanntes Thumper-Verfahren benutzt wird. Dabei wird der gasförmige Alkohol, welcher in der Kolonnen-Destillation entsteht in die Pot-Still-Maische überführt und somit weiterdestilliert. Das dabei entstehende Destillat wird anschließend in 200 Liter fassende Fässer aus amerikanischer Eiche gebracht, die zum großen Teil vorher bei Jack Daniels oder Jim Beam in Benutzung waren. Nun reift der Rum für Jahre unter der karibischen Sonne, bis er abgefüllt wird. Ein besonderer Vorteil, der dem typisch trockenen Barbados-Stil entspricht ist die Tatsache, dass man bei Mount Gay keinen Zucker zugibt, um den Rum süßer und gefälliger zu machen. Schließlich soll er so schmecken, wie er das schon immer getan hat, als ganz klassischer Vertreter von Barbados – einer kleinen Insel, die mit nur vier Produzenten dennoch einen weltberühmten Rum macht.  Im Falle von Mount Gay nunmehr über 300 Jahre – eine enorme Geschichte dieses Single Estate Rums. Eine Geschichte, die noch viele Jahre weiterzuerzählen sein wird.
Cheers!