Angels Face – von süßen Engeln und rauchigen Varianten

Fällt der Name Harry Craddock und es befinden sich Leute im Raum, deren Bestreben es ist, die Welt degustatorisch etwas besser zu machen, entstehen ziemlich schnell spannende Gespräche und Diskussionen über die Wirkung eines Buches, mit dessen Namen besagter Herr wohl auf immer verwoben bleiben wird. Hinter diesem Namen steckt einer der berühmtesten Barmixer des 20. Jahrhunderts und zugleich Autor des mindestens ebenso berühmten Rezeptbuches des Savoy Hotels in London. Ein Instanz – ohne Diskussion. Unmengen an Drinks lassen sich auf den Seiten finden, die ein Abbild über die europäische Trink-Kultur der 1930er Jahre darstellen. Viele davon wurden im Zuge der Cocktail-Renaissance wiederentdeckt und zieren heute die Barkarten unzähliger liquider Genusstempel  – sei es in Deutschland, Europa oder irgendwo sonst auf dieser Welt. Einige Drinks jedoch haben es nicht geschafft. Sie sind in der Vergessenheit geblieben und fristen ein trauriges Leben abseits der großen Erfolgswelle früherer Rezepturen. Einer davon ist der Angels Face Cocktail. Hier soll ihm nun die Bühne geboten werden, die für eine Genießer dieser liquiden Schönheit die einzig Vernünftige wäre. Spot an!

Licht und Dunkelheit

Die Rezeptur des Angels Face ist erstaunlich einfach. Gin, Apricot Brandy und Calvados zu gleichen Teilen. Eigentlich ein Garant für Berühmtheit, ist diese Rezeptur doch super zu merken. Es tauchen jedoch zweierlei Probleme auf, die es dieser süßen Schönheit nicht gerade einfach machen, zu einem Starlet zu avancieren.
Das eine ist seine multiple Persönlichkeit. Es ist nicht die einzige Rezeptur mit diesen Ingredienzien in dieser Rezeptsammlung. Etwas mehr als 40 Seiten später lässt sich nämlich ein Drink mit dem Namen Empire Cocktail finden, dessen einzige Abwandlung darin besteht, den Gin-Anteil auf 50% zu erhöhen und Calvados und Apricot Brandy auf je ein Viertel zu reduzieren. Beide Male wird der Drink geschüttelt und in einem Cocktailglas serviert. Diese Unterscheidung erschwert es zusätzlich, überhaupt, eine Kategorisierung dieses Drinks vorzunehmen, zumal es auch keinerlei Informationen darüber gibt, wann oder durch wen dieser Drink erstmalig gemixt worden sein könnte. So kann also anfänglich erwähnter Harry Craddock als Vater dieser Drinks gelten. Ein im Jahre 1937 erschienenen Buch mit Rezepten der United Kingdom Bartenders’ Guild verzeichnet nur noch den Angels Face Cocktail und verzichtet auf den Wacholder-dominanten, etwas trockeneren Bruder.

© www.spirit-ambassador.de

Neben diesen Wirrungen macht die Auswahl der Produkte den Drink zu einem nicht allzu leichten Arbeitsthema. Während über Gin seitenweise Ansichten geschrieben und gefühlt adäquat jede Woche ein neues Destillat auf den Markt kommt, erweist sich die Situation bei Calvados und Apricot Brandy als etwas komplizierter.

Frucht contra Kern – die Grundausrichtung des Drinks

Die erste Wahl dieses Drinks wird bestimmt durch die Entscheidung über den Apricot Brandy. Hier stehen sich die Extreme von Kernaromen denen der Frucht entgegen. Da durch die Rezeptur und die gleichen Mengen der Gin deutlich mehr die Rolle eines Trägers übernimmt, muss der Grundcharakter an der schwersten und zugleich süßesten Zutat bemessen werden. An dieser Stelle ist es in erster Linie der persönliche Geschmack, der die Entscheidung beeinflussen soll. Von daher fällt in diesem Fall die Wahl auf einen eher frucht-dominanten Vertreter dieser Likör-Kategorie. Genauer gesagt den vielleicht besten seiner Art: Abricot du Roussillon der Firma Giffard. Getragen von einer enormen Fruchtsüße verleiht dieser dem ganzen Drink eine voluminös samtige und weiche Textur. Die zweite Entscheidung nötigt einem die Wahl des Calvados ab. Eine heutzutage leider viel zu unterrepräsentierte Destillat-Kategorie, über die noch viel Wissen vemittelt werden muss. Einfachere, jüngere Qualitäten bilden sicherlich einen spannenden Kontrapunkt und knüpfen eher an den Gin an, dennoch sollte auch hier bei der geringen Anzahl an Zutaten tunlichst auf Qualität geachtet werden. Je älter und Komplexer die Apfelbrände werden, desto schwerer und wuchtiger wird der Drink in seiner Erscheinung. Ein guter Mittelweg stellt der Calvados Vieaux von Montarcy dar. Diese VSOP Qualität bietet für den Preis eine Menge an Fruchtaromen. Um den Gin nicht gänzlich unter den Tisch fallen zu lassen, sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass es sinnvoll ist, einen eher klassischen Vertreter der Kategorie Dry Gin zu nehmen. Hier kommt die Universalwaffe im Wacholder-Segment zu einem weiteren Einsatz: Tanqueray.

© www.spirit-ambassador.de

Rezeptur:

30 ml Gin

30 ml Apricot Brandy

30 ml Calvados

Alle Zutaten werden gerührt und in eine vorgekühlte Coupette abgeseiht. Als Garnitur empfiehlt sich eine Zitronenzeste, obwohl es einige Quellen gibt, welche behaupten, dass der Name Angels Face sich von zwei Apfelscheiben als Garnitur herleitet. Dies ist jedoch nicht ausreichend belegt und sensorisch erweist sich die Zitronenzeste als deutlich überzeugender.

Vom Schwiegermutter-Drink hin zu einem leicht verruchten Auftreten

Auch wenn es etwas aus der Zeit gefallen erscheint, so ist diese klassische Interpretation des Getränks eine – für moderne Zeiten außergewöhnlich – süße und komplexe Verführung. Um dem Kaffeeklatsch und den Strickdeckchen zu entfliehen hilft es formidabel, den Gin einfach gegen einen rauchigen Whisky – zum Beispiel Ardbeg Ten – zu tauschen. Besonders die Süße des Islay-Whiskys integriert sich überzeugend in die Gesamtkomposition und bringt ein völlig neues Geschmackserlebnis in das Glas. Als Angels Share Cocktail eine fabelhafte Alternative.  Als charmante Begleitung empfiehlt sich ein Hefekuchen mit Äpfeln und Rosinen sowie karamellisiertem Zucker.
Mr. Harry Craddock hätte seine wahre Freude daran.

Cheers!

Die in diesem Beitrag genannten Produkte entsprechen dem Gusto des Autors und stellen seine Meinung in Bezug auf Anspruch des Drinks dar. Außer Probeflaschen und Drinks ist hier nix geflossen.