Augier l’Océanique

Cognac aus dem Hause Augier sind etwas Besonderes, unterscheiden sie sich doch deutlich von den meisten bekannten Blends der großen Häuser. Die Geschichte Augiers ist dazu nicht nur die Geschichte einer Maison, sondern vielmehr die Geschichte des berühmtesten aller Weinbrände selbst, schließlich wurde Augier Cognac 1643 gegründet und ist damit das älteste noch bestehende Cognac-Haus der Welt. Doch nicht nur die Geschichte hinter dem unbekannten Namen – obwohl es kaum Informationen darüber gibt haben wir hier einige Fakten zusammengetragen – ist interessant. Es ist vor allem die Herangehensweise und Philosophie dieses kleinen Hauses, welche für Cognac-Enthusiasten so begeisternd ist, fokussiert man sich doch hier auf Einzellagen-Destillate und auf 100%ig reine Rebsorten.

Ein besonderes und seltenes Terroir

Der Begriff Terroir ist für die Arbeit von Augier mehr als bedeutsam. Die Herkunft der Trauben, die Böden und das sie bestimmende Klima sind alles Aspekte, die bei den größeren Häusern mit ihren großen Blends – und dabei geht es nicht um besser oder schlechte – eine latent untergeordnete Rolle spielen, da deren Blends vorwiegend aus vielen verschiedenen Regionen kommen und vor allem in ihrer Zahl meist deutlich über denen von Augier liegen.
Eine der sechs zertifizierten Lagen der Charentregion für Cognac sind die Bois ordinaires – eine vorwiegend durch sandige Böden gekennzeichnete, eher unbedeutende Region. Sie ist zwar mit ca. 274.000 Hektar Grundlfläche die größte Lage, aber davon werden auf Grund der eigentlich schlechten Bedingungen nur knapp 1.700 Hektar zum Rebanbau genutzt. Besonders reizvoll für spezielle Abfüllungen jedoch ist hierbei das küstennahe Klima, schließlich finden sich hier auch zwei berühmte Inseln: die Île de Ré und die Île de Oléron. Auf beiden Inseln gibt es Weinbau der für die Cognac-Industrie vielleicht nicht im Volumen interessant ist, jedoch in seiner besonderen Stilistik.

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Für l’Océanique ist es die Île de Oléron, auf der die Trauben wachsen. Sie ist mit 174km^2 die zweitgrößte Insel Frankreichs und durch das Viaduc d’Oléron mit dem Festland verbunden. Berühmt ist die Insel vor allem auf Grund ihrer langen Geschichte – schließlich galt diese schon den Römern als Erholunsgort und dem auch im deutschen Fernsehen für Action-Reality-Shows genutzten Fort Boyard. Der Weinbau hat hier seit dem 3. Jahrhundert Tradition und heute werden in wenigen Weingenossenschaften knapp 700 Hektar durch etwas mehr als 10 Winzer bewirtschaftet. Der Reblaus fiel auch hier die traditionelle Bestockung zum Opfer, so dass Ugni Blanc die mehr als dominierende Rebsorte ist. Das Wetter ist – auf Grund der südlichen Lage schon deutlich milder und daher eigentlich sehr gut für den Weinbau geeignet – der Atlantik jedoch bringt unbeirrbar Salz mit sich, welches auch den Reiz der Brände dieses Landstriches ausmachen.

Ugni Blanc – eine italienische Schwäche, die zur Stärke wird

Ugni Blanc kommt ursprünglich aus der Toskana und ist dort als Trebbiano Toscano beheimatet. Im Zuge des Gegenpapstes in Avignon im 14. Jahrhundert wurde diese Traube nach Südfrankreich gebracht und dort kultiviert. Heute ist sie vor allem in der Charente-Region beheimatet. Ihr größter Vorteil ist, dass sie relativ spät ausschlägt und somit vor Spätfrösten sicher ist. Mittel- bis spätreifend produziert sie eine enorm strukturierte Säure und ist daher tatsächlich die meistangebaute weiße Rebsorte in Frankreich, schließlich wird sie im ganzen Land zur Herstellung von Destillaten genutzt.

Ein Hauch eigentümlicher Exotik

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Ohne Altersangabe – wie der Le Sauvage – kommt dieser relativ junge Cognac daher, welcher aus drei einzelnen eaux-de-vie komponiert wurde und zeigt sich in einem äußerst blassen gelb-gold. Schon in der Nase verhelen die maritimen Noten die Herkunft nicht, auch wenn das Salz fantastisch fein eingebunden ist. Vielmehr eine feine Meeresbriese als ein tobender Ozean. Die Mineralität steht im Vordergrund und öffnet sich zu anfangst eher in eine würzige Richtung. Doch Früchte lassen nicht allzu lange auf sich warten. Geröstete Äpfel und Rosinen, dazu Nelken – aber alles zusammen erinnert nicht an Winter. Vielleicht liegt es auch an den spritzigen Zitronenschalen, die heraus stechen und sich mit hartem Eichenlaub garnieren. Der erste Eindruck ist völlig anders, als man es von den meisten anderen Cognac’ kennt.
Die Meeresnähe wird deutlich und man hat das Gefühl an Schiffstau zu riechen. Dazu etablieren sich Holz und Wachs. Trotz der herrschenden Zimmertemperatur wird es ungewöhnlich kühl im Rücken. Zu dieser Frische nun fleischige Aromen und Eisen. Eine unerwartete Erinnerung an Berliner Leber und Apfel stellt sich ein. Man hat das Gefühl, die Trauben wollen sich irgendwo weit hinten verstecken – es gelingt ihnen nur allzu gut.
Im Mund wirkt er anfänglich deutlich milder und fruchtiger als in der Nase. Gelbe Früchte wechseln sich mit typischen Holzaromen ab, doch schnell gewinnt die Würzigkeit. Salz und Pfeffer, dazu eine Erinnerung an Zigarren. Schon jetzt wäre man bereit für sämtliche Seemanserzählungen der uns bekannten Meere. Man muss sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass dies ein Cognac ist. Die Zitrusnoten kommen zurück und erscheinen als Grapefrucht, gespickt mit Zimt und dennoch dominiert die enorme Mineralität und erzeugt eine Textur, die herb ist und wie frisches Eichenfass schmeckt. Das ist definitiv kein Cognac für Anfänger. Nach einiger Zeit wird der Pfeffer noch kräftiger auf der Zungenspitze und die Textur scheint sich nicht zwischen ölig und hintenraus trocken entscheiden zu wollen. Oder zu können – eine unglaubliche Dynamik im Nachklang. Und stets die Frage, wo sich die fruchtigen Trauben, aus denen dieses Destillat erzeugt wurde, verstecken. Erst ganz spät, im Nachklang lassen sich diese finden.Nachdem sich das Meer abgearbeitet hat zeigt sich am Gaumen eine filigrane Fruchtnote, dazu ein wenig Hagebuttentee. Das Ganze garniert mit feiner Kamille und in Erinnerung bleibt die Suche nach den Trauben.

Zurück zum Hafen

Was für eine sensorische Reise. Die Meeresnähe spielt dieser Cognac mehr als opulent aus. Es ist etwas Einzigartiges, einen solchen Cognac zu trinken, ist er doch mehr als untypisch. Und es macht zugleich so unendlich viel Spass. Gemütlich auf dem Chesterfield-Sofa sitzen und bei Cognac und Zigarre auf den Kamin starren? Dafür ist Augier’s l’Océanique ganz bestimmt nicht gemacht. Unkonventionell, mutig und terroir-bezogen ist er und damit sicherlich kein Getränk für nebenbei. Lässt man sich jedoch auf diese komplexe Aromenwelt ein, so scheint es ein bisschen wie Adrenalin zu sein – man will immer mehr.
In diesem Sinne!
Cheers!

Allgemeine Informationen

Destillerie: Augier

Alter: NOS

Alkohol: 40,1 %vol.

Farbstoff: Nein

Kühlfiltration: Ja

Vertrieb: Kammer-Kirsch

Vielen Dank an Kammer-Kirsch für die Bereitstellung der Flasche. Außer Cognac ist hier nix geflossen.