Bollinger Special Cuvée – Ein großer Wein

Das Haus Bollinger aus Aÿ steht, obwohl – oder vielleicht gerade weil – es zu den großen Negociant Manipulant Häusern gehört deutlich in der Ambivalenz zwischen zwei sehr unterschiedlichen Philosophien. Auf der einen Seite das Abbild und die Verbundenheit zum Terroir – man besitzt schließlich 165 eigene Hektar Weinberge – und auf der anderen Seite die unabdingbare Forderung nach einer nahezu perfekten Balance – ganz im Sinne der großen Dame des Hauses: Lily Bollinger. Ein Abbild dieses Spagats ist die Special Cuvée, die klassische brut sans année.

Für England

So sehr, wie man bei Bollinger aus der Geschichte des Hauses heraus sich seiner Rolle als französisches Weinhaus begreift, so sehr ist man auch mit England verbunden – ein Umstand, der wie bei so vielen Häusern der Champagne oder auch der Charente davon zeugt, dass die Liebe zu Produkten weitaus wichtiger ist, als kurze politische Krisensituationen. Schließlich wissen die Menschen in der Champagne, dass nach einer Krise auch wieder gute Zeiten kommen – es ist jenes Auf und Ab, welches die Ruhe fördert, die eine der wohl wichtigsten Charaktereigenschaften der Weinbauern und Weinproduzenten darstellt – dies im Übrigen auf der ganzen Welt.

Bild rechts: eine ikonische Flasche – Bollinger Special Cuvée | © www.spirit-ambassador.de

Der Name Special Cuvée ist eigens für den englischen Markt kreiert worden, ist man doch im Jahre 1911 der Meinung gewesen, dass die typische französische Formulierung brut sans année – also die trockene, jahrgangslose Haus-Cuvée – weniger geeignet sei. Und mit dem englischen Markt hatte man damals schon gute Erfahrungen, schließlich ist man seit 1884 offizieller Hoflieferant des englischen Königshauses. Nobless oblige. Doch nicht nur dem englischen Königshaus schmeckt der Champagner der Maison Bollinger, auch seinem wohl bekanntesten Agenten – einem gewissen James Bond – ist es wichtig, wer seinen Champagner gemacht hat, schließlich präferiert er seit 1956 Bollinger Special Cuvée.

Das Aushängeschild des savoir faire

Die Weinberge der Maison Bollinger | © Bollinger

Terroir und Harmonie, zwei Ansprüche stecken hinter dem Aushängeschild der Maison Bollinger, dessen Grundstruktur aus Weinen besteht, die zu 85% auf Grand und Premier Crus Lagen wachsen und deutlich von Pinot Noir dominiert werden. Schließlich gibt das Terroir um Aÿ dieser Diva unter den Trauben beste Bedingungen für die Verhältnisse des nördlichsten Weinbaugebietes Frankreich. So basiert die Assemblage neben 60% Pinot Noir auf weiteren 25% Chardonnay und 15% Pinot Meunier. Die Weine werden in einzelnen Lagen vinifiziert und erst vor der Flaschengärung geblendet. Die Zugabe von Reserveweinen beläuft sich im Schnitt auf 10%, wobei diese im Hause Bollinger etwas wahrlich Besonderes sind, lagern sie doch nicht wie üblich in Fässern oder Stahltanks, sondern ausschließlich in Magnumflaschen. In einer von insgesammt 700.000 Magnumflaschen.
Die Weine liegen danach für mindestens 30 Monate auf der Hefe und werden zum Abschluss mit einer Versanddosage mit rund acht bis neun Gramm Zucker auf dem Liter in eine moderate Brut-Stufe eingestellt.

Apfelkuchen und Wein

Im Glas offenbart sich die Special Cuvée mit einer gelb-goldenen Farbe und sehr feiner Perlage. Die erste Idee der Nase: wow – unendlich viel Wein mit einer feinen Struktur. Er wirkt elegant und frisch mit einer leicht kräutrigen Note als Gegenstück zu den körperreichen Weinaromen. Eine tolle Dynamik, die sich eingliedert in das Bild einer nahezu perfekten Balance zwischen Säure, Körper und Frucht, wobei der Wein hier ganz deutlich die erste Geige spielt. Zitrusnoten untermalen die dichte Aromatik. Typische Aromen von Brioche und Stachelbeeren zeigen sich und man fühlt sich an Hefeblechkuchen erinnert – mit Streuseln. Darunter eine Mischung aus Quitten und Apfel.
Im Mund zeigt sich die feinperlige Struktur von ihrer erwachsenen Seite. Kein nervöses Verhalten, sondern weich und ausgeprägt arbeitet der Wein auf der Zunge und erschafft dabei eine deutliche Dynamik. Zitrusnoten und Äpfel auf der einen Seite, Trauben und Brioche auf der anderen; ja sogar eine Idee von rosinierten Trauben. Man hat von Anfang an den Eindruck einen weichen, feinen und mehr als elegant ausbalancierten Champagner zu genießen. Die Apfelnoten zeigen eine Idee von tanningiger Struktur und weisen neben der Fruchtaromatik auch Noten der Stiele und der Schale auf. Die Idee eines mütterlichen Blechkuchens ist nicht abwegig.
Im Nachklang dann doch feine grüne Tendenzen mit einer klaren, aber nicht überempfindlichen Säurestruktur, die vielmehr sofort Lust auf einen nächsten Schluck macht. Die Special Cuvée zeigt sich trotz seiner Fülle und großen Aromatik als extrem trinkig.

In diesem Magnumflaschen lagern die berühmten Reserveweine der Maison Bollinger | © Bollinger

Ein großer Wein

Die Special Cuvée und das Siegel des Englischen Hoflieferanten | © www.spirit-ambassador.de

Mit der Special Cuvée von Bollinger hat man einen großen Wein, einen großen Champagern im Glas. Diesem sollte man auch seinen Raum geben und zugunsten der Philosophie, dass Champagner erstmal einmal Wein und dann erst ein Schaumwein ist, gerecht werden. Seine Dichte und Struktur, sein Körper sind von unglaublicher Überzeugung ohne dabei je einmal laut zu werden. Es ist wahrlich kein Understatement, das sich hier präsentiert, aber auch kein nervöses Scheinen. Es ist einfach ein großer Champagner, der nachvollziehbar verstehen lässt, warum man ihn in die Ecke der Weine von Krug rückt. Er hat auch die Kraft mehr zu sein als ein reiner Aperitif-Champagner. Vielmehr eignet er sich zu Speisen auch abseits der üblichen Fisch- und Krustentier-Empfehlung. Schinken mit Feigen zum Beispiel bilden ein hervorragendes Pairing, aber auch Geflügel mit kräftigen Saucen werden diesem Champagner nichts anhaben und vielmehr ergänzt werden durch seine Größe.
In diesem Sinne.
Cheers!

Allgemeine Informationen

Hersteller: Champagne Bollinger

Assemblage: Pinot Noir, Pinot Meunier, Chardonnay

Dosage: 8-9gr/L

Flaschenreife: 30 Monate

Alkohol: 12 %Vol.

Vertrieb: Grand Cru Select

Es gibt Dinge, die kauft man sich selber – diese Flasche Champagner zählte dazu.