Cape Cod oder der spießige Traum eines Spätsommers

Egal ob im feinen Gants Sommer-Sakko oder einfach nur in Shorts und Shirt – jeder hat so seine eigenen Vorstellung eines (kitschigen) Sommernachmittags vor der bekannten Filmkulisse von Martha’s Vineyard. Jener, bei der amerikanischen Mittelschicht beliebten kleinen Insel vor Cape Cod in Massachusetts, dessen Geschichte bis in das Jahr 1620 zurück reicht, als die in der amerikanischen Tradition tief verwurzelten Pilgerväter dort die Mayflower verließen.

Es lässt sich aushalten an den Stränden der Ostküste: weicher Sand unter den Füßen, Dünen mit hohem Schilfgras und eine Menge weißer Strandhäuser und Villen. Klassisch, mondän und ein bisschen spießig. Irgendwie ziemlich amerikanisch – könnte man meinen. Die Zeiten, in denen die jungen Ivy League Studenten die Strände bevölkerten und an ihnen feierten sind lange vorbei. Aus den Studenten von damals sind Senior-Chefs und Großväter geworden. Die Jugend feiert irgendwo auf der Welt in den Clubs der Metropolen. Es ist etwas verschlafen. Ein Rückzugsort für Wandervögel und Leute, die die Ruhe suchen. Ein gesundes Maß „Altbackenheit“ in Perfektion. Und diese Perfektion verlangt natürlich auch nach einem passenden Begleiter. Den gibt es seit Mitte des letzten Jahrhunderts. Einfach, erfrischend – unspektakulär und spießig. Genau das Richtige und irgendwie ein Klassiker der Longdrink-Geschichte: der Cape Cod.

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Benannt nach der Halbinsel, besteht diese ur-amerikanische Drink-Instanz aus nicht weiter als Vodka, Cranberrysaft und Limette – soweit, so gut. Wenn es doch nur so einfach wäre, denn auch dieser Drink ist nicht einfach aufgetaucht und wird seitdem so gemixt. Auch hier gilt es, die Geschichte und die Veränderungen ein bisschen genauer zu beleuchten. Dafür empfiehlt sich ein erfrischender Cape Cod, ein Platz am Pool und los geht es.

Von tropischen Drinks und dem Einfluss der 50er Jahre.

Die Geschichte, die zumeist erzählt wird, beruft sich auf die Firma Ocean Spray mit ihrem Cranberrysaft. Gegründet 1930 promoteten sie Ihren Saft ab 1945 in einer Mischung aus Vodka und Limette als Red Devil. Auf der anderen Seite des Kontinents mixte der bekannte Tiki-Bartender Victor Bergeron alias Trader Vic im Jahr 1968 einen Rangoon Ruby – eine Mischung aus Vodka, Cranberry, Limette und Soda. Ähnliche Drinks, unterschiedliche Namen. Erst in der 1972er Ausgabe seines Pacific Island Cookbook tauchte selbiger Drink unter dem nun übliche Namen Cape Codder – kurz Cape Cod auf. Etwas unbekannter für die Bar-Welt, aber hier scheinbar genau der richtige Ansprechpartner ist ein gewisser Crosby Gaige, ein zur damaligen Zeit äußerst populärer Food-Journalist aus New York und Präsident der New York Wine & Food Society. Dieser veröffentlichte 1944 ein Büchlein mit dem Titel Standart Cocktail Guide, in dem ein Cape Cod Collins zu finden ist. Weißer Rum, Cranberrysaft, Limetten und Soda sind hier die Ingredienzen. Zumindest ist davon auszugehen, dass es vor 1930 keinen solchen Drink gegeben haben wird, da mit der Gründung von Ocean Spray erstmalig Cranberrysaft für den Handel hergestellt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde dieser Saft in heimischer Handarbeit hergestellt und nur für den privaten Gebrauch.  Auch die Geschichte des Vodkas scheint für diesen Drink von Interesse. 1934 wurde die Firma Smirnoff von Wladimir Smirnoff an Rudolph Kunett verkauft, der den Firmensitz in die USA verlagerte. Damit begann mehr oder weniger der Aufstieg von Vodka zu einem globalen Phänomen. Dies würde auch für die Rezeptumwandlung sinnig erscheinen. Den Siegeszug dieser klaren Spirituose kann man seit den 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts verfolgen und wurde auch durch solche „einfachen“ Mischungen wie den Cape Cod forciert.

© www.spirit-ambassador.de

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Die Wiederentdeckung von Vodka und ein Rückgriff auf Rum

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In der Zeit der Craft-Cocktail-Bewegung, der großen Gin-Nessance war Vodka verschrien als Wirkungsgetränk – im Gegensatz zum Bildungsgetränk Gin. Doch in letzter Zeit erhellt sich die Situation. Die globale Spirituose Vodka mausert sich immer mehr von der Club-Cash-Cow hin zu einem – wieder – ernst zu nehmendem Partner an der Bar. Und während sich die (fast) ganze Welt in die akademischen Sphären von Gin & Tonic stürzt, gelüstet es manchmal nach einem einfachen Sommerdrink. Und genau das ist ein Cape Cod!
Diesen frisch-herben Voka-Klassiker der Pool-Mittelklasse genießt man auf Jamaika sehr gerne etwas rauer und wuchtiger – mit weißem Overproofed Rum. Dort ist er als Dustlöscher alkoholischer Natur sehr beliebt und bildet den Zirkelschluss zur ersten Erwähnung bei Crosby Gaige.
Von daher sei hier auf beide Rezepturen verwiesen. Für die Vodka-Version empfiehlt sich ein bodenständiger Vodka je nach Geschmack – doch gerne etwas kräftiger vom Aroma. Für die jamaikanische Variante kann man ruhigen Gewissens zu einer Flasche Wray & Nephew greifen, falls es etwas rauchiger sein soll, so empfiehlt sich RumFire. Davon jedoch etwas weniger als vom Vodka. Ansonsten einfach alles in einem Longdrinksglas auf gutem Eis bauen, Augen schließen und sich die Brandung am Cape oder Martha’s Vineyard vorstellen.  Der heimischen Vorstellung entsprechend funktioniert auch die Erinnerung an den letzten Sommer im mondänen Binz. Es lässt sich vergleichen – ein bisschen zumindest.

Rezeptur

50 ml Vodka

(oder 30 ml weißer jamaikanischer Overproofed Rum)

10 ml frischer Limettensaft

Cranberrysaft

ein Spritzer Soda

Cheers!

Die in diesem Beitrag genannten Produkte entsprechen dem Gusto des Autors und stellen seine Meinung in Bezug auf Anspruch des Drinks dar. Außer Probeflaschen und Drinks ist hier nix geflossen.