French 75: Eine Geschichte von Krieg, Präzision und später auch Champagner

Für diesen Klassiker der Drinkkultur müssen wir in die Champagne. Diese nördlichste Weinbauregion Frankreichs ist generell eine Reise wert, doch in vergangenen Tagen war dies häufig anders. Die Champagne ist eine der meist umkämpftesten Regionen Europas, liegt sie doch geopolitisch zwischen dem Einflussgebiet vieler großer – zumeist vergangener – Mächte. Sie war Schauplatz vieler Kriege in der Zeit der Reformation und der Name Verdun steht bis heute für die Schrecken des ersten Weltkrieges. Doch genau in diese Zeit gilt es sich zurück zu besinnen, wenn man die Geschichte eines der berühmtesten Champagner-Cocktails der Welt ergründen möchte: den French 75.

Kraft und Präzision

Der eigentlich harmlos erscheinende Name geht zurück auf eine gefürchtete Artilleriewaffe der französischen Streitkräfte, die Canon de 75 modèle 1897 – kurz Soixante-Quinze genannt. In einem der berühmtesten Bücher der Bargeschichte, dem Savoy Cocktail Buch von Harry Craddock findet sich neben dem Rezept der warnende Hinweis, dass dieser Drink „hits with remarkable precision“. Diese spitzfindige Bemerkung dürfte jedoch nicht nur auf den Drink zutreffen, sondern vielmehr noch auf sein namentliches Vorbild.
Wenn wir heute an einer Bar einen French 75 bestellen, so bekommen wir mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit eine Art konzentrierten Gin Collins, welcher statt mit Soda mit Champagner aufgegossen wird. Diese Interpretation verdanken wir einem gewissen Judge Jr., welcher in seinem 1927 erschienenen Cocktailbuch „Here’s How“ den French 75 genau in diese Kategorie packte. Doch der ursprüngliche Drink hat eine ganz andere Struktur und eine Geschichte, welche nur fragmentarisch zu erzählen ist. Das allerdings am besten mit einem Drink in der Hand.

Bild rechts: Auch wenn der French 75 heute einer der bekanntesten Champagner-Cocktails ist, so beginnt seine Geschichte ganz ohne den König aller Weine | © www.spirit-ambassador.de

Direkt von der Front

„There has been brought back to Broadway from the front by War Correspondent E. Alexander Powell“
Die erste schriftliche Erwähnung des Drinks finden wir 1915 im Washington Herald mit einer Rezeptur, welche 1/3 Gin, 1/3 Grenadine, 1/3 Applejack und 1 dash Zitronensaft erfordert. Applejack wird hier die amerikanische Interpretation von Calvados sein.

Gin oder Cognac – diese Frage stellt sich seit Jahren. Beides macht einen hervorragenden Drink und auch der Champagner ist in seiner Qualität sehr wichtig. | © www.spirit-ambassador.de

Einer der berühmtesten Champagner-Drinks der Welt erblickte also das Licht selbiger ohne Champagner und so sollte es einige Jahre über bleiben. Es gibt auch Geschichten darüber, dass Piloten der Airforce diesen Drink regelmäßig zu sich nahmen, doch sind diese allzuwenig vertrauenswürdig – die Geschichten, nicht die Piloten. Was die Zutaten betrifft, so erscheint zumindest deren Zusammenstellung schlüssig, da vor allem Gin und Calvados regional bestens verfügbar waren, Zitronensaft zur damaligen Zeit schon standardisiert frisch verarbeitet wurde und Grenadine auch keine allzu großen Schwierigkeiten in der Besorgung verursachen sollte, wie man an damaligen Barbüchern und den darin enthaltenen Rezepten nachlesen kann.

Die Ursprünge – vor und zurück

Von der Front des ersten Weltkriegs dauerte es nicht lange, bis der Soixante-Quinze in den Cocktailbüchern der Welt eingang fand. Erstmalig in einer solchen Sammlung erschienen ist er bei Robert Vermeire, einem der berühmtesten französischen Bartender in seinem 1922 erschienenen Buch „Cocktails – how to mix them“.
Dort benennt er den Drink sehr pragmatisch in „75“ Cocktail um. Auch er bleibt bei den scheinbar ursprünglichen Zutaten Grenadine, Zitrone, Calvados und Gin und präsentiert somit also eher einen Shortdrink, welcher in einem Cocktailglas serviert wurde. Spannend hier jedoch ist der Verweis auf die Quelle, von der er diese Rezeptur hat: ein gewisser Henry aus der Henry’s Bar in Paris. Es handelt sich dabei wohl um Henry Tépé, der jedoch in der Geschichte des Cocktails mehr oder minder unbekannt blieb. Es wäre so schön und einfach, wenn man davon ausgehen könne, dass nunmehr alle Fragen der Authentizität geklärt wären. Sind sie leider nicht.

Bild rechts: Mit diesem Drink wurde der Krieg gewonnen. Die erste Champagner-Rezeptur aus dem Barbuch von Judge Jr.

Bevor Robert Vermeire sein Buch schrieb, findet der Soixante-Quinze nämlich noch eine zweite Erwähnung in einem Londoner Magazin mit dem Namen The Sphere vom 27.11.1916. Dort finden wir den Hinweis auf einen Cocktail namens Soixante-Quinze, welcher aus „Calvados und anderen mysteriösen Zutaten“ besteht und erfunden wurde an der American Bar des Ciro’s.  Dieses Restaurant war ein Etablissement der High Society und ein wahrer Hotspot der Schönen und Reichen. Dabei darf man nicht vergessen, dass trotz des Krieges das zivile Leben zur damaligen Zeit weiterging. Über Bartender wird dort im einzelnen nicht gesprochen, doch zum einen hatte Harry MacElhone nach dem Krieg dort gearbeitet, auch hatte Mr. MacElhone seine spätere Bar – Harry’s New York Bar – nur wenige Minuten von Henry’s Bar entfernt eröffnet. Die Welt ist ein Dorf – eine Aussage, die hier scheinbar bestätigt wird.

Ein Collins im Smoking

Robert Vermeire bringt den Drink in seiner Grundstruktur zurück nach Frankreich und ersetzt dafür den Gin mit Cognac

Allzuhäufig wird dieser Harry MacElhone als Ursprung des Drinks genannt – jener Harry, der Harry’s New York Bar in Paris betrieb, doch die Quellen sprechen nicht dafür und er selbst hatte dies auch nie behauptet. Aber zumindest seinem Kosmos und vor allem seiner Publikation ist es zu verdanken, dass dieser Drink zu einer nicht verächtlichen Berühmtheit wurde, als er 1926 sein Cocktailbuch „Harry’s ABC of Mixing Cocktails“ auf dem Markt brachte und damit die zweite Rezeptur veröffentlichte. Hier jedoch mit einem Twist, denn neben Gin, Calvados, Zitrone und Grenadine erweiterte er die Rezeptur durch Absinthe. Was dann passierte lässt sich nicht rekonstruieren, aber nur ein Jahr später veröffentlicht der eingangs erwähnte Judge Jr. seine Rezeptsammlung und gab dem French 75 – wie er ihn nun nannte – einen völlig neuen Twist als Collins mit Champagner. Zudem servierte er ihn auch nicht in einer Schale, sondern als Highball.
Diese Rezeptur übernahm 1930 Harry Craddock aus dem Savoy Hotel und präsentierte sie in seinem berühmten Buch mit dem warnenden Hinweis, dass dieser Drink äußerst zielsicher ist.

The french way

Es dauerte ein paar Jahre und einen weiteren Krieg, bis die Rezeptur des French 75 erneut verändert wurde. Für den Barmixer David Embury erschien es sinnvoll, diesen in seiner Geschichte von Frankreich bestimmten Drink einen weiteren französischen Twist zu geben. Er substituierte die nunmehr vor allem englische Sprituose Gin durch den berühmtesten aller Brände: Cognac. Damit schließt sich historisch mehr oder minder der Kreis zwischen den Ursprüngen mit Calvados und der uns heute bekannten Möglichkeit, den French 75 auf Basis von Gin oder Cognac zu mixen.

Moderne Zeiten

Spätestens seit 1977 gibt es auf Grund dieser Varianz die Tendenz, dem Drink unterschiedliche Nummern zuzuweisen. Während der klassische French 75 nunmehr mit Gin gemixt wird, ist ein French 68 mit gesplitteten Verhältnissen Brandy und Calvados, ein French 76 mit Vodka und ein French 125 mit Bourbon. Einige dieser Rezepturen sind in der Barbibel von Charles Schuhmann erwähnt, andere geistern durch die unendlichen Weiten dieses Internetz’.
Ebenso wie die Rezeptur sich wandelte, hat sich auch die Form des Glases im Laufe der Zeit geändert. Haben Vermeire und Harry MacElhone den ursprünglichen Drink in einer Schale oder einem Cocktailglas servierten, ging man später dahin über ihn in einem Highball-Glas zu präsentieren. Im Laufe der 1980er Jahre wurde daraus die bekannte Sektflöte bis moderne Bartender mit Faible für Geschichte und Authentizität ihn vor einigen Jahre wieder als Highball auf die Tresen dieser Welt brachten.

Unsere Rezept-Empfehlung:

30 ml Gin (z.b. Plymouth)  oder 30 ml Cognac

15 ml frischer Zitronensaft

15 ml Zuckersirup

Alles miteinander shaken und in ein Highball Glas abseihen. Das ganze mit einem brut Champagner auffüllen. Hierbei sollte man keinen günstigen Schaumwein nehmen! Mit einer Zitronenzeste garnieren.

Der French 75 als Highball | © www.spirit-ambassador.de

Und auch wenn die ersten Erwähnungen nichts mit dem uns bekannten Champagner-Cocktail zu tun haben, ist er doch in genau dieser Form eine großartige Quelle sinnlicher Genüsse, im ersten Eindruck entspannt und gesellig – dabei jedoch äußerst intensiv in seiner Wirkung. Der French 75 ist – egal ob mit Gin, Cognac oder Calvados ein nicht zu unterschätzender Drink, der jedoch einen fantastischen Start in den Abend bereiten kann.
In diesem Sinne!
Cheers!