Veuve Clicquot – Carte Jaune

Warum sollte man eine Tastingreihe mit einem Champagner beginnen, den die meisten Leute kennen? Nun, zum einen weil er damit einen ziemlich brauchbaren Benchmark abbildet, von dem aus man neue Dinge erschmecken und erleben kann; zum anderen jedoch, weil es manchmal auch die altbewährten Dinge sind, die es gilt neu zu entdecken. Und gerade bei vermeintlichen Einsteigerprodukten erzeugt dies einen noch viel größeren Reiz. Einer jener Champagner, auf den diese Beschreibung zutrifft, ist ohne Zweifel die Standartcuvée aus dem Hause Veuve Clicquot. Carte Jaune oder Yellow Label genannt.

Ein Wein zwischen Verlässlichkeit…

Und genau dieses Label ist es auch, was von vielen Connaisseuren mit Skepsis, teilweise sogar mit Verachtung bedacht wird. Das Hauptaugenmerk des elaborierten Trinkers wird wohl in den ersten zwei, drei Sätzen darauf liegen, zu verweisen, dass eben genau dieser Champagner überall zu kaufen ist. Im Fachhandel, im Lebensmitteleinzelhandel, ja sogar in guten Spätkäufen und an Tankstellen. Im fortgeschrittenen Fachgeschäft jedoch wird man immer weniger fündig. Zu banal, zu einfach, zu langweilig.

Bild rechts: Das berühmte gelbe Label | © www.spirit-ambassador.de

Innovativ ist dieser Champagner bestimmt nicht – zumindest nicht aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts, wo immer mehr das ganz konkrete Terroir zum Kernelement der Weinbereitung erkoren wird. Schlussendlich ist dies auch eine mehr als unterstützenswerte Entwicklung und ich jeden Tag dankbar darum. Doch es muss auch eine Grund geben, warum bei Veuve Clicquot seit Mitte des 19. Jahrhunderts sehr erfolgreich Champagner in brut-Qualität erzeugt und dieser ab 1876 mit einem unverkennbaren gelben Etikett versehen wird. Champagner ist immer getrieben zwischen Bodenständigkeit und Visionen – dieses Etikett gehört heute zum ersteren Aspekt der Philosophie der Champenoise.

… und Philosophie…

Veuve Clicquot Carte Jaune ist ein klassischer Champagner ohne Extreme – schließlich ist er als Standartcuvée die Definition des Hausstiles in Reims. Und diesen Hausstil gilt es zu erhalten und zu konservieren, das ist die Philosophie bei Veuve Clicquot. Damit unterscheiden sie sich – wie fast alle größeren Häuser – natürlich von den kleinen RM Champagnern, den recoltánt manipulant. Jenen Häusern die aus ihren eigenen Trauben Wein erzeugen. Da man als NMnégociant manipulant – zum größten Teil auf die Trauben von Weinbauern angewiesen ist, entwickelten diese Häuser die Philosophie, einen Champagner zu kreieren, der immer gleich schmecken sollte – will man diesen doch verlässlich verkaufen.

Schon fast ein Familien-Album bei der letzten Clicquot Verkostung | © www.spirit-ambassador.de

Die gleichbleibende Qualität ist es, auf die man im Hause Veuve Clicquot mit seinem Kellermeister Dominique Dermarville – der aktuelle 10. Kellermeister – wert legt. Dies ist auch einer der Gründe, warum man hier mit einem relativ hohen Anteil an Reserveweinen arbeitet, der für die Standartcuvée zwischen 30% und 45% liegen und dadurch schon eine gewisse Fülligkeit erhalten kann. Die Versand-Dosage – welche abschließend nach einer 30monatigen Flaschengärung zugegeben wird – beträgt um die 10gr. pro Liter und entspricht damit ganz mittig der Kategorie Brut die zwischen 3 gr. und 15gr. pro Liter liegt. Über die Rolle der Dosage lässt es sich vorzüglich streiten, geht es doch neben dem Geschmack des Weines vor allem um eine Philosophie. Aber auch um Textur, denn zu einem nicht unerheblichen Teil kann die Dosage auch die Textur und damit das Mundgefühl beeinflussen.
Je höher diese gewählt ist, desto breiter und fülliger kann ein Schaumwein erscheinen. Und dieser wunderbare, etwas spießige Begriff – Schaumwein – bringt uns zu einem der wichtigsten Punkte! Champagner ist in erster Linie ein Wein und in zweiter Linie erst kommen die Bläschen ins Spiel.

… und Missverständnissen

Und dieser Wein, der die Basis bildet für Veuve Clicquot ist vor allem Pinot Noir. In der Assemblage für die Standartcuvée – die aus durchschnittlich 50- 60 Weine über alle Crus-Kategorien komponiert wurde – spielt der Pinot Noir die erste Geige. Zwischen 50% und 55% der Stillweine sind auf Basis dieser körperreichen Rebsorte, die flankiert wird von 28% – 33% Chardonnay – Zitrus, Frische und Säure sind dessen Aufgaben; und zwischen 15% und 20% Pinot Meunier (Schwarzriesling).
Wenn man in den letzten Jahren mit Weintrinkern den einfachen Veuve Clicquot getrunken hat, so hörte man immer wieder, dass genau dieser hohe Pinot Noir Anteil daran schuld sei, dass „Veuve“ so sauer schmecken würde. Und auch heute noch hält sich dieses Vorurteil vehement. Vielleicht mag das – zumindest was den Geschmack betrifft – in vergangenen Zeiten zurecht angemerkt worden sein, heute jedoch offenbart sich ein gänzlich anderes Bild.

Wiederentdeckungen

Eine Tastingreihe mit einem Champagner zu beginnen, den alle Beteiligten normalerweise eher beiläufig trinken und den man wahrnimmt wie etwas unendlich Zuverlässiges bringt noch einen weiteren Vorteil. Man kann Leute überraschen. Erstaunt waren die Verkostungspartner nach den ersten Augenblicken und dem ersten Begutachten des goldgelb scheinenden und fein perlenden Weines. In der Nase zuvorderts eine feine Eleganz, situiert zwischen einer strukturierten Zitrone und etwas Brioche. Eine weinige Tiefe offenbart sich, deren Säurestruktur sehr schön ist. Es erinnert ein wenig an Strohblumen. Im Laufe der Zeit öffnet sich der Wein und offeriert ein leichtes Frucht-Potpurri aus grünen Äpfeln und Pfirsich. Der Chardonnay strukturiert diesen jungen Wein unglaublich!

Das berühmte Rüttelbrett zur remuage | © Moët Hennessy

Im Mund überrascht erstmal die cremige Textur. Sanft und fein wird die Perlage wahrgenommen. Dann der Wein – der sich mit erstaunlichem Körper beweist und durch die bestätigte, feine Säure nicht undefiniert bleibt. Auch hier werden die Fruchtnoten deutlich – Apfel, Pfirsich und Zitrusnoten. Eventuell im Nachklang etwas Muskatblüte dazu.
Er fühlt sich unglaublich griffig an, weinig und voll – wird nach hinten raus etwas schnittiger, so dass man hier sehr schnell Lust auf den nächsten Schluck, das nächste Glas… Sie kennen das Spiel. Erstaunlich ist die Fähigkeit, die Perlage zu bewahren, denn auch nach längerer Zeit – sowohl im Glas als auch in der Flasche zeigt der Carte  Jaune eine unglaubliche Frische.

Zuerst ist es Wein

© www.spirit-ambassador.de

Es ist, wie es zu seien scheint – Champagner ist in erster Linie ein Wein, und dieser hier sogar augenscheinlich einer mit Körper und Fülle. Ich erinnere mich, vor einigen Jahren – es mag 2016 gewesen sein – mal diese Cuvée aus einer Magnum getrunken zu haben, die seit Anfang der 1990er Jahre im Keller lag. Mit etwas Bangen öffneten wir damals die Flaschen und waren alle mehr als überrascht, als noch eine gewisse Perlage auf der Zunge zu spüren war. Die Reifenoten waren à la bonne heur und der Wein umwerfend. Dies war damals der Zeitpunkt, an dem ich das erste Mal verstanden habe, warum so viele Leute zuerst über Wein reden, bevor sie sich über Schaum Gedanken machen. Und es brauchte ein paar Jahre es in seiner Gänze zu verstehen, aber sie sollten alle recht behalten.
Was macht man nun aber mit der Erkenntnis, dass dieser vermeintlich einfache Champagner – eigentlich ja viel zu sauer und höchstens etwas für den Garten – am Ende des Abends doch ein ziemlich guter Wein ist. Die Antwort darauf ist sehr einfach: man freut sich über diese Erkenntnis und genehmigt sich ein zweites Glas. Veuve Clicquot Carte Jaune ist vielleicht nicht der hochkomplexe, terroir-fokussierte Champagner; er ist aber ein verlässlicher und griffiger Schaumwein, der seiner Philosophie treu bleibt und einfach im Glas überzeugt.
In diesem Sinne!
Cheers!

Allgemeine Informationen

Hersteller: Veuve Clicquot-Ponsardin

Assemblage: Pinot Noir, Pinot Meunier, Chardonnay

Dosage: 10gr/L

Flaschenreife: 30 Monate

Alkohol: 12 %Vol.

Vertrieb: Moët Hennessy Deutschland

Vielen Dank an Moët Hennessy Deutschland für die Bereitstellung der Flasche. Außer Champagner ist hier nix geflossen.