Rum und Tee und Unabhängigkeit – Eine etwas andere Geschichte der USA

Das Spirituosen, der Konsum selbiger und die historische Entwicklung starken gegenseitigen Verbindungen ausgesetzt sind – nun, dass ist wohl allen bewusst. Eine dieser Verbindungen besteht zwischen der amerikanischen Unabhängigkeit und dem Handel von Zuckerrohr und dem daraus hergestellten Rum, doch um diese Geschichte zu erkennen, muss man ein wenig in der Zeit zurück blicken.

Als C. Kolumbus 1493 auf seiner zweiten Reise in die Neue Welt aufbrach, hatte er die damals in Europa schon lange bekannte Kulturpflanze des Zuckerrohrs im Gepäck, um sie unter den klimatisch hervorragenden Bedingungen der Karibik zu etablieren. Dies geschah mit einer  solch unbestreitbaren Effizienz, dass diese Region sehr schnell zu dem Produzenten des weißen Goldes schlechthin wurde. Anfänglich vor allem durch die Spanier und Portugiesen vorangetrieben, ließen die Engländer als spätere dritte Kolonialmacht nicht auf sich warten und stiegen äußerst erfolgreich in die Herstellung und den Handel mit ein. Dies vor allem durch die Hilfe von Freibeutern und Piraten wie z.B. eines gewissen Henry Morgan, dessen Karriere ihn vom Piraten zum Gouverneur Jamaikas hatte werden lassen. Aber auch die Franzosen, Holländer und später sogar die Dänen hatten einen Anteil an der politischen Geschichte des Rums – einem der wohl prominentesten Abfallprodukt der Geschichte. Vor allem aber die beiden Rivalen Frankreich und England sind für die Entwicklung der Geschichte von großer Bedeutung.

Rohrzuckerernte

Quelle: wikipedia.org

Die alten Konflikte und neue Auswüchse

Diese befanden sich nämlich, neben Preussen, Russland, dem Habsburger Reich und etlichen kleineren Parteien seit 1756 im sogenannten 7jährigen Krieg, einer ganz typischen europäischen Auseinandersetzung, welche durch die Vielstaaterei zur historischen Normalität gehörte. Irgendwer führte immer Krieg. Das Besondere an dieser Auseinandersetzung jedoch war, dass es diesmal nicht nur um territoriale Ansprüche im alten Europa ging, sondern auch in der neuen Welt. Frankreich und England stritten sich u.a. um Louisburg und das Ohio-Tal in Nordamerika.

Dieser von allen großen Nationen geführte Krieg war teuer und es fehlten vorne und hinten Gelder in jeder Staatskasse. Und natürlich ist es naheliegend, diese mit Hilfe neuer bzw. höherer Steuern wieder aufzufüllen. Und hier kommt unser Zucker, genauer gesagt: die Melasse (aus der Rum zum größten Teil hergestellt wird) ins Spiel.

Der bekannte Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika hielt ein erstaunlich gut funktionierendes, wenn auch moralisch perfiedes System am laufen. Aus Europa wurden Konsumgüter nach Afrika geschickt, wo sie zum Tausch gegen afrikanische Sklaven gedacht waren, welche über den Atlantik transportiert wurden, um dort die schwere Arbeit auf den Zuckerplantagen zu verrichten.
An dieser Stelle muss man jedoch erwähnen, dass dieser Dreieckshandel eigentlich aus zwei Dreiecken bestand:  Von Europa über Afrika nach Mittelamerika und zurück bildet die klassische Variante. Eine weitere war die von den britischen Kolonien in Amerika nach Afrika und über Mittelamerika zurück an die Ostküste der späteren USA. Und diese Bewegung ist von höchstem Interesse, denn mit den Schiffen aus der Karibik kam der Rum, bzw. vorwiegend die Melasse nach Nordamerika. Dort entstand eine völlig eigene Verarbeitungsindustrie, die natürlich auch Rum herstellte, denn seit Mitte des 17. Jahrhunderts war Rum in der Gesellschaft Nordamerika angekommen. Während ihn die arme Bevölkerung zumeist pur „genoss“ war er in der Mittelschicht vor allem als Ingredienz von Punches beliebt. Auf Rhode Island gab es 1761 22 Destillerien für Melasse, in Massachusetts gar 63.
Dieses zweite Dreieck war von der britischen Krone nicht gerne gesehen, ermöglichte es doch einen florierenden Handel zwischen den Kolonien ohne den Einfluss der Regierung in London.
Und noch schlimmer: ermöglichte es doch auch den Handel mit dem Feind! Diese Feindschaft bestand schon weit vor dem Kriegsausbruch von 1756. Schon Anfang des 18. Jahrhunderts war man nicht allzu gut aufeinander zu sprechen und diese Probleme setzten sich natürlich in der neuen Welt fort.
Auf den französischen Inseln um Martinique herum wurde zur damaligen Zeit sehr viel Zucker angebaut, jedoch kaum verbraucht. Ein dankbarer Abnehmer waren die britischen Kolonien, die sich wenig um die Konflikte in der alten Welt scherten. Diese Handelsverbindung jedoch missfiel den britischen Zuckerproduzenten auf den westindischen Inseln und als Reaktion forderten diese einen Schutzzoll auf ausländische Melasse. Dies kennt man heute unter dem Namen Molasses-Act aus dem Jahre 1733 – nur das es damals niemanden interessierte. Die britische Krone selbst war nicht sonderlich erpicht darauf, dieses neue Gesetz mit allen Mittel durchzusetzen und dessen Einhalt zu kontrollieren. Und dann kam anfänglich besagter Krieg und nun war auch die London daran interessiert, aus den neuen Kolonien vernünftig Steuern zu beziehen.

Feltons Distillery

Quelle: http://rumhistory.com

DreieckshandelQuelle: http://www.socialstudiesforkids.com/

Stellen wir uns die drei großen fassgereiften Getränke dieser Welt, Cognac, Rum und Whisky, als eine Familie, sagen wir als drei Brüder, vor. Unwidersprochen sind Cognac und Whisky die wohlgeratenen und erfolgreichen Söhne mit bis ins kleinste Detail bekannter Herkunft, mit eine, stringenten Lebenslauf und schlussfolgernd daraus auch die, die Karriere bis hin zum Premiumgetränk gemacht haben.[…] Ganz anders der Rum, das Enfant terrible der Familie.“ 

Andreas Schwarz: Premium Rum; S. 21

No taxation without Representation

Im September 1764 trat ein neues Zollgesetz – der American Revenue Act oder kurz: Sugar Act – in kraft, das eine strikte Besteuerung der meisten Konsum- und Handelsgüter aus nicht-britischen Kolonien vorsah – daneben natürlich auch wieder die Melasse. Dies traf die Wirtschaft der englischen Kolonien besonders hart, da viele Brennereien zum großen Teil französische Melasse verarbeiteten. Doch nebenher waren auch Häute, Kakao oder Tabak betroffen. Dies, so lässt sich nachvollziehen, drückte erheblich auf die Stimmung der Siedler, deren Motivation es eigentlich war, fern der europäischen Staatsrestriktion ein neues Land zu bevölkern. Die Entscheidung der britischen Regierung über die Köpfe der Siedler hinweg, ohne dass diese auch nur eine Chance auf Mitbestimmung hatten, führte nicht nur zum Boykott englischer Handelsware, sondern drückte sich mehr und mehr durch offenen Widerstand gegen die britische Staatsmacht aus. Die Boston Tea Party reiht sich in diese ein und ist so etwas wie der Auslöser der amerikanischen Revolution. Doch während der Tee das Fass zum überlaufen brachte, war es der Streit um Zucker und Rum, der die Grundlagen schuf, die Unabhängigkeit der USA gegen die alten Kolonialmächte zu forcieren.