Zwischen Knigge, Alkohol und Überleben

Nun ist es März und damit die Hauptsaison für Whiskymessen eigentlich vorbei. Irgendwo zwischen Whisky-Herbst Berlin im September und der Whisky Fair im April in Limburg (mein persönlicher Messeplan) kommt man als geneigter Whisky-Connaisseur eigentlich nicht umhin, sich in eine kleine bis große Örtlichkeit zu begeben um Teil einer großen Familie zu werden. Diese Familie besteht aus Ausstellern der großen Industrie, aus unabhängigen Abfüllern und natürlich aus Gästen. Diese Zeilen sind entstanden nach vielen Jahren des Bestandteil-Seins dieser Familie. Diese Zeilen sind jedoch auch geschrieben aus der Perspektive eines Menschen, der hinter dem Tresen steht um Leute in seine Welt des Whiskys mitzunehmen. Vielleicht bin ich, als Bestandteil dieses großen Zirkus, nicht ganz objektiv, aber da es auf solchen Veranstaltungen um Geschmack geht und selbiger dieses auch nicht ist, erdreiste ich mir hier mal meine Meinung. Öffentlich – wie eine solche Genussveranstaltung auch ist. Hier nun ein kleiner Guide, wie man eine solche Messe vor dem Tresen erfolgreich absolvieren könnte.

Freitag, Samstag & Sonntag – die Anatomie eines Wochenendes

Die vielleicht wichtigste Entscheidung betrifft die generelle Planung – an welchem Tag soll ich ein solches Event besuchen? Große Messen wie die InterWhisky, die Finest Spirits oder The Village finden von Freitag bis Sonntag statt. Kleinere Veranstaltungen wie die Hall of Angel’s Share in Villingen-Schwenningen, die WhiskySpring in Schwetzingen oder die Whisky Time Frankfurt meist nur Samstag und Sonntag. Welcher Tag ist nun also der richtige, um einzutauchen in den schier unendlichen Kosmos zwischen Scotch, Irish, Canadian oder American Whisk(e)y?

Bild rechts: Ein Messewochenende sollte man gut planen, denn jeder Tag funktioniert anders und bietet andere Möglichkeiten | © www.spirit-ambassador.de

Eines steht fest – am beliebtesten ist natürlich der Samstag, gelegen zwischen dem semi-produktiven Freitag und dem Tag des… dem Sonntag. So sicher wie das Slainthe in einem schottischen Pub ist ein Besucherandrang an einem Samstag auf einer Whiskymesse. Wer das Lifestyle-Produkt Messe sucht, dem sei genau dieser Tag empfohlen. Die Aussteller sind auf alles vorbereitet und es geht so heiß daher, wie sonst nur auf deutschen Autobahnen am ersten Ferientag. Genüsslich, gemütlich um die Stände schlendern ist so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Oder eine Flasche 1974er Ardbeg zum damaligen Ausgabepreis.
Der vorherige Freitag – insofern es ihn gibt – ist ambivalent. Er ist emotional vergleichbar mit dem Highnoon in jedem klassischen Italo-Western. Kein Mensch weiß, was passiert. Es kann verhalten sein, oder von Null auf Hundert binnen kürzester Zeit. Frühes Erscheinen sichert hier auf jedenfall Freiräume – wie bei jedem Brunch quasi.

Gerade an einem Samstag kann es schon schnell sehr voll werden | © www.spirit-ambassador.de

Wer genüsslich an jedem Stand Zeit verbringen möchte und sich in Ruhe unterhalten will, dem sei – insofern es der Messeplan zulässt – der Sonntag empfohlen. Zwischen Hangover und Tatort verbringen diesen Tag erstaunlich wenige Menschen auf solchen Veranstaltungen – schließlich beginnt morgen ja wieder der Arbeitstrott und da ist es gesellschaftlich wohl verpönt zu genießen. Die Ruhe des Sonntags. Allerdings bitte ich an dieser Stelle – nicht ganz uneingennützig – um Verständnis für die Aussteller. Die haben nämlich schon einen Messe-Marathon hinter sich und sind eventuell nicht mehr so euphorisch wie am ersten Tag. Das ist menschlich und sollte akzeptiert werden. Ein ernsthaftes Gespräch über die Produkte wird jedoch niemand abwiegeln. Im Gegenteil – insofern es ein ernsthaftes Gespräch ist. Und nein, Gespräche, die mit „früher war alles besser“ anfangen, fallen definitiv nicht in diese Kategorie.
Wer sich dafür entscheidet, jeden Tag auf die Messe zu kommen hat neben einem ziemlich gehörigen Programm und einem hoffentlich freien Montag die unbezahlbare Möglichkeit, uns Messearbeiter in unserer ganz natürlichen Umgebung und Entwicklung zu beobachten. Dies jedoch soll hier nicht ausgeführt werden – diejenigen die ein ganzes Wochenden für eine Schnaps-Messe investieren wissen, wovon ich rede.

Planlos durch den Tag oder: von Entdeckern und Suchenden

Hat man sich also nun für einen Tag entschieden gibt es zwei Möglichkeiten. Variante A – die meistbeobachteste – ist ein gründlich planloses Schlendern von Stand zu Stand. Über die komplette Messe. Was gemütlich klingt, entpuppt sich schlussendlich als größte Gefahr: man probiert unorganisiert und vor allem viel zu viel. Dies führt aller Vorraussicht nach zu einem gepflegten Betrunkensein. Sollte dies das Ziel sein: herzlichen Glückwunsch. Aber das allseits bekannte Vorglühen ist vielleicht an einem anderen Ort besser zu vollziehen. Natürlich ist eine solche Messe ein Ort des Entdeckens. Vor allem von Unbekanntem – schließlich ist der Neukontakt auch das große Ziel von uns Ausstellern. Aber wer kann im Vollrausch tatsächlich noch relevant Dinge bewerten oder sich noch merken. Wie man sich davor schützt – falls man sich treiben lassen will; wird weiter unten erklärt.
Variante B ist die sinvollere! Man sollte sich im Vorhinein erkundigen, welche Marken ausgestellt sind und was man sehen, bzw. verkosten möchte. Sicherlich lassen sich selten bis nie die konkreten Abfüllungen auf einer Liste finden, aber ein gewisser Grundplan kann – Olsenbanden-Fans werden das wissen – nie schaden. Das Scheitern eines Planes – ganz im Egon’schen Sinne – ist jedoch nie ausgeschlossen. Vor allem für Fortgeschrittene im Thema Whisky ist dieser Plan zu empfehlen, da die meisten sicherlich Präferenzen haben. Diese gilt es abzuarbeiten um dann freie Potentiale für die Entdeckungsreise zu nutzen.

Bild rechts: bei so vielen unterschiedlichen Abfüllung an nur einem Stand braucht man einen Plan! | © www.spirit-ambassador.de

Für Einsteiger empfielt es sich eine geführte Tour über die Messe zu buchen – insofern es soetwas gibt. Ein gutes Beispiel ist hier die Finest Sprits in München. Guides zu haben, welche über Wissen zu Produkten, Herstellern und Marken haben und denen für eine halbe Stunde in einem Schnellflug über die Messe zu folgen hilft oft, sich zu orientieren und danach zu entscheiden, was man sich genauer anschauen möchte. Für Messeveranstalter ist dies als guter Tip gemeint, dies einzuführen. Wenn soetwas fünf bis zehn Euro kostet, dann sollte es sich realisieren lassen. Für beide Seiten.

Steigert euch!

Ein weiterer, relevanter Bestandteil eines erfolgreichen Messetages ist das strukturelle Verkosten. Wer pünktlich zur Eröffnung um 11 Uhr ein Torfmonster im Stile von Ardbeg oder Lagavulin verköstigt, der wird definitiv nicht in der Lage sein, filigrane Drams von Glenmorangie, Macallan oder sonstigen Brennereien zu verkosten. Mir wird nie in Vergessenheit geraten, wie vor einigen Jahren bei sommerlichen 30°C am Samstag um 12 Uhr ein Gast auf dem damals noch in Köpenick stattfindenden einzigen Whiskyherbst Berlins ankam und einen Ardbeg Supernova orderte. Kann man machen, alles andere danach ist halt aber auch albern. So kurz, ohne weitere Erklärung – so deutlich sei dieser Hinweis ausgesprochen. Auch hier helfen Guides über die Messe weiter.

Cash is king!

Drinks kosten Geld. Diese Grundregel gilt auf eigentlich allen Messen. Der Eintritt, den man anfänglich bezahlt ist für die Räumlichkeit und die Möglichkeit, auf kleinem Raum eine sensorische Weltreise zu unternehmen. Messen kosten für die Aussteller Geld. Häufig in Höhen, da kann man sich fast schon einen Mittelklassewagen für kaufen. Die Preise, die für die einzelnen Drams genommen werden sind daher schlichtweg der Versuch, die Kosten in einem gesunden Level zu halten. Da verdient kaum einer was. Von daher sollte man das Feilschen einfach lassen. Nicht nur die Messe als solches kostet, auch das Personal hinter dem Stand – zumal es meistens nicht vor Ort wohnt. In Summe ist die Idee eines Mittelklassewagens selten falsch. Um es auf den Punkt zu bringen: man sollte seinen Dram einfach bezahlen und vorher klären, ob man dafür Chips benötigt, oder dies mit Bargeld regeln kann. Grundsätzlich gilt: gibt es Chips, so nehmen die Aussteller kein Bargeld an.

Das Wasser des Lebens

Eine Whiskymesse huldigt dem Wasser des Lebens. Nichts jedoch geht ohne ausreichend Wasser – im eigentlichen Sinne! Die allgemein bekannte Regel, dass man täglich drei Liter Wasser trinken sollte, gilt auf Spirituosenmessen nicht. Die Menge muss dringend nach oben geschraubt werden! Dafür gibt es mindestens drei gute Gründe.
Der erste Grund ist die ganz triviale Tatsache, dass man den konkreten Tag deutlich länger bei Bewusstsein genießen werden kann. Der zweite Grund schließt nahtlos an, denn der nächstfolgende Tag wird deutlich angenehmer mit einer ausreichenden Menge an Flüssigkeit zwischen dem ganzen Alkohol im Blut. Beide Gründe sind reichlich humanistisch motiviert und sollten einfach dem gesunden Menschenverstand entsprechen.

Es ist so unendlich wichtig und wird doch gerne vergessen: Wasser!| © www.spirit-ambassador.de

Es gibt einen dritten, rein sensorischen Grund für die erhöhte Zusichnahme von Wasser. Die Grundintention solcher Veranstaltungen – wie schon weiter oben angedeutet – besteht nicht darin, dem nächstbesten Jungesellen_innen Abend eine profunde Möglichkeit des Vollrausches zu bieten. Die Grundidee ist der Genuss und das Erleben von connaisseurhafter Gemeinsamkeit. Schlicht gesprochen: es geht um den Geschmack. Unser Geschmack wie auch der Geruch ist abhängig von der Leistungsfähigkeit unserer Sensorik. Die dazu benötigten Sinnesorgane – Nase und Mund – sind besetzt von Rezeptoren. Diese sitzen – dafür muss man kein Humanmediziner sein – auf Schleimhäuten. Alkohol wirkt – eigentlich hinreichend bekannt – dehydrierend. Das bedeutet, er neigt sehr effizient dazu, Schleimhäute auszutrocknen. Da aber genau auf jenen unsere Rezeptoren für Geruch und Geschmack sitzen, ist dies grundsätzlich eine Situation, welche mit einem klassischen Dilemma zu vergleichen ist. Ich will schmecken und damit torpediere ich meinen Geschmackssinn.
Der einzige Ausweg daraus besteht in der Zuführung von Flüssigkeit, von Wasser. Bier ist hiermit nicht gemeint. Schließlich ist selbiger Effekt bei Bier- und Weinverkostungen – allesamt in einem deutlich niedrigen Akkohollevel angesiedelt – auch zu bemerken. Man sollte also nach jedem Dram ordentlich Wasser trinken. am besten 1:100. Also 1 Dram und dann 100 ml. Wasser. Mindestens! Dieses Verhältnis erhöht sich mit der Dramanzahl. Vor allem wenn man wiederum die ersten beiden Gründe eines erhöhten Wasserkonsums anführt. Fünf Liter sind da für einen solchen Tag ein gesundes Mindestmaß! Auch wenn Spirituosenmessen eine der wenigen gesellschaftlichen Ereignisse sind, auf denen die Toiletten für Männer deutlich höher frequentiert sind als diese für Frauen.

Aber welches Wasser?

An dieser Stelle soll es keinesfalls darum gehen, welche Qualität an Wasser empfehlenswert ist – diese polemische Abhandlung erfolgt an anderer Stelle. Es soll kurz darum gehen, welche Funktion welches Wasser auf der Messe erfüllt.
Das populärste Wasser der Messe ist zugleich dasjenige, welches am einfachsten zu bekommen ist: das Wasser am Stand der Aussteller. Zumeist in markenrelevanten Karaffen – die im Übrigen nicht dazu gedacht sind, als Souvenier gestohlen zu werden – dargeboten, ist dieses Wasser gedacht zum Ausspülen der Gläser. Dieser kleine Schluck sollte zwingend nebeinbei getrunken werden – ohne in die fünf Liter Rechnung einzufließen. Aber seine Funktion – die des Wassers – ist nicht jene des Durstlöschens. Zumeist bekommen die Aussteller dieses rationiert. Von daher sollte man sein Trinkwasser an den Cateringständen oder – im Idealfall – an den gesponsorten „Wasserstellen“ holen.

Duzen oder Siezen – Respekt zählt!

Für viele Menschen ist eine Messe eine Art Familientreffen. Dies gilt sowohl für uns – die Aussteller, aber natürlich auch für Gäste. Schließlich gilt bis heute der Grundsatz, dass derjenige, den man bei einem Glas guten Getränks kennenlernt, eigentlich kein schlechter Mensch sein kann. Und wer sich sein Wochenende zugunsten von Genuss um die Ohren schlägt, der findet auf Messen seinesgleichen. Gleiche Ziele, gleiche Ideale verbinden. Da ist ein konsequentes Siezen eher selten. Und das ist auch völlig okay! Lass und quasi beim Du ankommen – gerne auch beim ersten Dram. Wichtig ist nur, dass wir uns alle mit Respekt begegnen. An dieser Stelle gehen ich als Schreiberling wieder zum Sie über, da dies dem Stile von spirit-ambassador.de entspricht. Im echten Leben, also auf egal welcher Messe können wir gerne beim Du ankommen.

Wenn Gäste über die Jahre zu Freunden werden – all das geht nur mit Respekt | © www.spirit-ambassador.de

Dieser Respekt zeigt sich in vielen Dingen. Er zeigt sich vor allem darin, wie wir miteinander umgehen – auch, oder vor allem in der Art und Weise, wie wir über Produkte reden. Kein Aussteller wird jemals – oder sollte dies nie tun – schlecht über Kollegen und andere Produkte reden. Wir lieben das was wir tun und damit auch das, was die Kollegen sehr arbeitsintensiv betreiben. Wir ziehen alle am gleichen Strick. Wir müssen nicht jedes Produkt mögen, aber wir fühlen uns nicht gut dabei, wenn unsere Gäste schlecht über andere Dinge reden. Noch schlimmer ist es allerdings für uns, wenn Gäste uns gegenüber abfällig über unsere Produkte reden – aus welchem Grund auch immer. Provokationen wie „früher war euer Whisky echt gut – heute ist er nur so lala“… mit diesen Aussagen ist doch niemandem geholfen. Wer sich als Gast damit zu distinguieren versucht – nun gut, aber dann wird es als Aussteller auch schwer, ein ernsthaftes Gespräch zu führen. Wir lieben unsere Produkte – anders kann man diesen Job nicht machen. Wir können gerne konstruktiv reden, aber dies muss von allen Seiten aus passieren.

Alter und Geschlecht – oder wer hat wirklich Ahnung vom Metier

Dieser Abschnitt ist vielleicht einer der persönlichsten, da eine der Marken für die ich die große Ehre habe zu Arbeiten – Ardbeg – polarisiert wie kaum eine andere. Ich bin 33 Jahre jung und damit darf ich offiziell seit 15 Jahren Alkohol trinken. Unter der bekannten Entwicklung des gesamten Whisky-Marktes und im besonderen der Preise alter Abfüllungen im Verhältnis zum meinem Alter ist es mir leider nicht vergönnt, alle Abfüllungen dieser – meiner über alles geliebten Brennerei – seit 1815 verkostet zu haben. Habe ich daher weniger Ahnung als jemand, der schon gefühlt seit dem gleichen Jahr  – 1815 – Whisky trinkt? Ich glaube nicht. Ich bin an dieser Stelle nur ein Beispiel.
Ein – leider – weiterer wichtiger Punkt:  Damen am Stand. Wie alle anderen Aussteller auch haben diese – warum muss ich eigentlich darüber schreiben? – einen enorm professionellen Zugang zu den Produkten. Sie kennen diese und sie trinken diese auch wirklich privat. Zumal ich – und wieder graut mir vor diesem Gesellschaftsbild der 1950er – Kolleginnen kenne, die deutlich besser bescheid wissen und nebenbei auch mehr vertragen als einige der männlichen Vertreter unserer Zunft. Mit Bauchschmerzen schreibe ich diese Zeilen, aber leider sind sie notwendig.

Bild links: Frauen in der Spirituosenindustrie? Na klar! Karen Fullerton als Mitglied des Whisky-Creation Teams von Glenmorangie bei einer MasterClass auf der Finest Spirits in München | © www.spirit-ambassador.de

Bloß weil jemand nicht in das – wie auch immer konstruierte – stereotype Bild  eines Whisky-Connaisseurs passt, heißt das noch lange nicht, dass Er oder Sie keine Ahnung von der Materie hat. Wir haben alle Respekt vor langer Genuss-Erfahrung und freuen uns über persönliche Geschichten. Wir können auch nicht immer wissen, wann welche Destillerie-Katze welches Junge zur Welt gebracht hat – aber wir kennen unsere Produkte, unsere Kategorie, da wir uns damit beruflich beschäftigen. Lassen Sie uns lieber gemeinsam über Dinge sprechen, wir hören gerne zu und wir erklären auch gerne. Wir sollten nur alle ein gewisses thematisches Miteinander forcieren – schließlich wollen wir uns auf Augenhöhe begegnen. So wie in einer wirklichen Familie. Oder wie es im Alltag so schön heißt: Klugscheißer mag niemand. Und man sieht Kompetenz niemandem an.

Bitte und Danke – Grundlagen einer sozialkompatiblen Grammatik

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Art und Weise des Miteinander-Redens, wobei es nunmehr weniger um Inhalt als um den modus vivendi gehen soll. Oder um es kurz und knapp zu formulieren: Bitte und Danke sind einfach Satzbestandteile, die einen langen Messetag deutlich angenehmer werden lassen als ein stupides Abfüllungsnennen, oder noch besser: ein Fingerzeig. Nur so als kurzer Fingerzeig.

Flasche in der Hand und in der Nase

Apropos Fingerzeig. Bei fast allen Messen stehen die Flasche auf einem Tresen – gut sichtbar um das angebotene Portfolio zu präsentieren. Wir sind stolz auf unser Portfolio und wollen es zeigen. Wir haben auch kein Problem damit, dass man die Flaschen genauer betrachtet oder in die Hand nimmt. Aber bitte Fragen Sie! Ein kurzes „Darf ich…?“ kostet nichts und wird meistens mit einem „ja, natürlich“ beantwortet. Leidergottes gibt es immer wieder die Situation, dass Flaschen – die im Übrigen immer Geld kosten (auch uns Aussteller) – vom Tresen unergründliche Wege gehen und nie wieder zurück kommen. Dies sorgt für schlechte Laune – bei allen Ausstellern. Nochmehr bei solchen, die nicht als Markenbesitzer ausstellig sind und teilweise Raritäten für exorbitante Summen präsentieren. Diebstahl ist und bleibt eine Straftat. Um einfach nur ein schlechtes Bauchgefühl zu vermeiden also einfach fragen, bevor man eine Flasche greift.

Bitte keine Nasen in die Flasche stecken! | © www.spirit-ambassador.de

Bestimmt lässt man Sie auch an der Flasche riechen – wobei dies sensorisch eigentlich wenig Erbauliches zu Tage fördert. Wenn man jedoch darauf Wert legt, sollte man immer bedenken, wie gerne man aus einer Flasche einen Dram eingeschenkt bekommen möchte, an der schon gefühlt 20.235 Nasenhaare kleben. Wer unbedingt an einer Flasche riechen möchte, der sollte soviel physiologisches Feingefühl besitzen, dies zu verhindern. Wer auf Grund einiger genussvoller Momente sich dessen nicht mehr sicher ist, der sollte darauf zum Wohle aller vielleicht einfach verzichten.

Trinken vs. Mitnehmen – geplantes Mitnehmen und auf neue Dinge spontan reagieren

Genussvoller Konsum ist ein wichtiges Stichwort in dieser Debatte. Um bei Whisky zu bleiben – dieser muss nach europäischer Gesetzgebung mindestens 40%vol. in der Flasche aufweisen. Dies ist eine gehörige Portion Alkohol. Trotz aller Fokussierung und Vorsicht wird man nicht darum herum kommen, dass Gevatter Alkohol seine geliebt-gefürchtete Wirkung zeigt. Dies zumeist auf Kosten von sensorischer Wahrnehmung und sozialer Interaktions-Kompetenz. Jetzt sind wir doch aber alle auf solch einer Messe um genau jene Dinge, die uns in diese gefährliche Ambivalenz treiben, zu probieren. Wie entflieht man dieser schier unauflösbaren Problematik – trotz Damoklesschwert über dem Kopf und wenig königlicher Abstammung. Salomon lässt sich in kleinen Flaschen finden!
Mal ganz ehrlich – für eine absolut sensorische Dekonstruktion eignet sich die Umgebung einer Messe eh kaum. Die Luft und der Lärmpegel lassen eine tiefgründige sensorische Auseinandersetzung kaum zu. Diese Aufgabe erfordert fast schon sozio-authistische Züge und selbst dann ist man noch immer gezwungen, die Luft zu atmen, die voll von Menschen und gefühlt 100.000 anderen Düften ist. Wenn man die Ehrlichkeit auf die Spitze treibt, ist eine profund-aromatische Analyse einer Spirituose auf einer solchen Veranstaltung eher ein sensorisches Topfschlagen im Minenfeld.

Sample-Flaschen sind eine gute Möglichkeit die guten Tropfen daheim besser zu verkosten | © www.spirit-ambassador.de

Dies betrifft nicht nur die Mitgäste, sondern auch Sie selber. Wie schon gesagt, lässt die Fähigkeit zur aromatischen  Wahrnehmung mit jedem Schluck Alkohol nach. Wer vor Ort etwas mehr probieren möchte, der sollte – auch wenn es für die Aussteller manchmal etwas kompliziert ist – halbe Portionen erbitten. Im Idealfall sind die Gläser mit einem 2cl Messstrich versehen und wir sind dann in der Lage, auch nur 1cl auszuschenken. Es ist anstrengend, aber der Wunsch danach völlig nachvollziehbar und so wird wohl kaum jemand hinter einem Messestand daran Anstoß nehmen. So lässt sich auch eine spontane Entdeckung noch dazwischen schieben. Für absolute Beginner ist dies eh ein profaner Tip zum „Überstehen“ solcher intensiven Verköstigungen. Manchmal ist weniger tatsächlich mehr.
Wer bestimmte Produkte wirklich entschlüssel will, der sollte sich diese mitnehmen – und zwar in Sampleflaschen. Diese gibt es bei einschlägigen Händlern zu erwerben, oder auf einigen Messen vor Ort. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Hall of Angel’s Share – wo man für wenig Geld diese vor Ort inklusive Etiketten kaufen kann. In gewohnter Umgebung lässt sich die Qualität eines 1978er Brora eh viel besser bewerten als mit einem Rucksack vor dem Gesicht.

Mitbringsel – zwischen Rucksäcken, Hunden und Kindern

Besagter Rucksack ist eine fantastische Überleitungen zu den Dingen, die man auf eine solche Veranstaltung mitbringen kann, oder besser: nicht sollte.
Rucksäcke sind super praktisch. Man kann damit viele Dinge transportieren und zeitgleich die Hände frei behalten. Das ist zum Beispiel bei einer Alpenüberquerung super hilfreich. Auf einer Messe hingegen sind diese mehr oder minder praktischen Survival-Tools eher hinderlich – nicht für einen selber, aber für die Menschen hinter einem. Vor allem, wenn man sich dafür entscheidet, an einem Samstag die Veranstaltung zu besuchen.
Bild rechts: Auch wenn es hier noch gemütlich leer ist: Hunde haben auf solch einer Messe Stress und sollten daher nicht mitgebracht werden | © www.spirit-ambassador.de
Über das Mitnehmen von Kindern als auch Hunden ließe sich an dieser Stelle wahrscheinlich ein ganzes Buch voller Ankdoten füllen. Hier soll und muss es reichen, an den gesunden Menschenverstand zu appelieren.

Die Menschen hinter dem Tresen

Nachdem wir nun ausreichend über das „vor dem Tresen“ gesprochen haben, hier nun ein paar wenige Worte zu den Wesen dahinter. An weiter oben befindlicher Stelle haben wir das Thema Respekt schon angerissen. Vielleicht ist dies nur eine Wiederholung, aber die Menschen hinter einem Stand sind tatsächlich Menschen und keine PR-Roboter. Wir beginnen den Tag meistens Stunden vor Messebeginn und haben danach selten sofort Feierabend. Wenn wir Freitag, Samstag und/oder Sonntag auf einer Messe stehen, so machen wir das sicherlich mit der nötigen Begeisterung für unseren Job und unsere Produkte, aber in erster Linie, weil es unser Job ist. Trotz aller Liebe zu unserem Beruf – zu unserer Berufung: es ist nicht unsere Freizeit und die Tätigkeit auf einer Messe kostet Kraft.
Trotz aller Arbeit und Anstrengung ist eine Messe immer ein tolles Event, auf das wir uns freuen – hier am Stand von Ardbeg & Glenmorangie auf der InterWhisky| © www.spirit-ambassador.de
Um es vielleicht etwas charmant abzukürzen. Ich empfehle Leuten immer den Sonntag zum Besuch einer Messe mit den charmant aufrichtigen Worten „Es ist auf jeden Fall entspannter, leerer und damit mehr Zeit für Gespräche, aber wir sind dann auch eventuell etwas maul-fauler“. Bitte nicht falsch verstehen! Wir freuen uns wirklich über jedes ernstgenommene Gespräch und jeden Gedankenaustausch zu unseren Produkten, aber für uns ist das Arbeit. Und die kostet Kraft. Wir sind vielleicht an einem gewissen Punkt oder in einer bestimmten Situation nicht mehr so euphorisch wie Sie sich das vorstellen. Aber wer jedes Wochenende neben seinem Büroalltag auf einer Messe steht, der kann nicht immer alle Wünsche von den Augen ablesen. Wir lieben unsere Gäste, unsere Kunden – aber manchmal sind wir etwas müde.
Was da am besten Hilft ist ein nettes Lächeln und aufmunternde Worte. Wie in einer Familie danken wir soetwas sehr!

Nach Messeende ist auch Feierabend – von Ausschankschluss und Abschlussdrinks

So sehr wir unsere Arbeit mögen, unsere Produkte und unsere Gäste – so sehr mögen wir unseren Feierabend. Wie gesagt beginnt unser Messetag zumeist Stunden vor der Öffnung. Und endet erst nach Kassenabrechnung und Inventur. Wir können auch die Messe erst verlassen, wenn alle Gäse gegangen sind – das gehört sich als Gastgeber nunmal so. Damit dies aber irgendwann soweit ist, haben die meisten Veranstalter einen Ausschankschluss eine halbe Stunde vor dem offiziellen Messeende eingeführt. Wir sind darüber sehr dankbar, ist doch unser Feierabend und damit ein richtiges Essen nach zumeist nur kleinen Messesnacks in greifbarer Nähe. Auch wenn es immer dann zu Ende geht, wenn es ja eigentlich am schönsten ist, so muss es nunmal zu Ende gehen. Dafür gibt es einen nächsten Tag oder eine nächste Messe – spätestens jedoch ein nächstes Jahr.
Und sollten wir uns dann des Nächtens irgendwo zwischen Dinner und Drink treffen, so können wir gerne noch über das Thema des Tages reden. Vielleicht. Manchmal möchten wir dann aber auch nur Mensch sein und mit unseren Kollegen über Banalitäten wie das Wetter, den Hund oder die Kinder reden. Manchmal einfach nur einen Drink genießen. Manchmal wollen wir dann nicht mehr arbeiten und unsere Produkte erklären. Eines verspreche ich Ihnen: das was wir den Tag über gemacht haben und vielleicht am nächsten Tag auch wieder machen lieben wir deswegen nicht weniger. Manchmal brauchen wir aber einfach eine Pause.
Bild rechts: Ein Whisky Sour nach einer Messe geht immer! | © www.spirit-ambassador.de

Fazit eines Beteiligten

Die Frage ist, ob mir diese Art von Leitfaden zusteht. Nun, dass müssen Sie als geneigter Leser für sich selber emtscheiden. Fakt ist, dass ich Messen – gleich meiner Kolleg_innen – liebe. Aber mich auch freue, wenn Sie vorbei sind. Es ist wie häufig auch mit der Familie. Man kann keineswegs ohne sie, doch manchmal ist diese auch anstrengend. Bei aller Vielschichtigkeit des Themas freue ich mich jetzt schon auf die erste Messe der Schnaps-Saison 2018/2019. Und damit auf ein baldiges Wiedersehen!
In diesem Sinne!
Cheers!
P.S. Dieser Artikel ist geschrieben als Mensch – nicht als Brand Ambassador. Und ja – wir können gerne auf der nächsten Messe darüber reden. Am liebsten bei einem Glas Whisky.