Über Wahrheiten und Wahrheiten

In den letzten Tagen kam wieder einmal eine gesteigerte Bewegungs- und Mitteilungsbedürftigkeit im Spirituosenmarkt zum Vorschein, welche man – nun ja: braucht oder eben auch nicht. Zumeist beginnt die nervöse Phase mit der Ankündigung der neuen Whisky Bible von Jim Murray und erlangt sein höchstes Moment in der Verkündigung des neues World Whisky of the year, womit auch zeitgleich das Rauschen in den Kronen der mehr oder minder belaubten Blätter-Wälder beginnt. Was wurde nicht alles geschrieben als vor zwei Jahren ein japanischer Whisky auf das oberste Treppchen durfte. Ein Abgesang auf irische und schottische Whiskys und die Entdeckung einer eigentlich schon lange blühenden Tradition seitens des alkoholischen Mainstreams – Japan. Das Land der aufgehenden Sonne stiehlt auf einmal allen die Show. Letztes Jahr ein Rye aus Kanada und dieses Jahr nun ein amerikanischer Whisky – wieder ein Rye. War dies nicht vor einigen Jahren noch der Stoff, welcher höchstens mit Cola zu ertragen ist? Fragen über Fragen werden sich gestellt inklusive der passenden Antworten – leider zumeist laut in irgendwelchen Zeitungen oder Foren; leider zu häufig von enthusiastischen, aber nicht involvierten Menschen. Und leider zu häufig von Selbstdarstellern.

Über Jim Murray und die Wahrheit hinter Rankings

Was lässt sich über den scheinbar mächtigsten Mann am Whisky-Himmel sagen, der für seine Anhänger Cäsaren-gleich den Daumen in den Himmel oder gen Erde neigen kann. Geboren wurde er 1957 im englischen County Surrey. Früh – mit 16 – begann er journalistisch tätig zu werden für die lokale Zeitung und fokussierte sich vor allem auf Fussball. Nach vielen Jahren als fester Journalist wechselte er in die Welt des Whiskys und wurde der wahrscheinlich erste Vollzeit-Schreiber über Spirituosen der Welt. Im Jahre 1994 veröffentlichte er seinen ersten Whisky Almanach und begann seine Reise durch die Destillerien dieser Welt. Er gilt als derjenige, der wohl mehr Brennereien von innen gesehen hat als – nun, als jemals ein anderer. Diese Reiselust, diese Begeisterung und dieses Wissen veranlassten Ihn schlussendlich ab 2003 jährlich ein Verkostungsbuch mit Tasting-Notizen und Bewertungen zu veröffentlichen: Die Whisky Bible. Und ja: all dies macht ihn zu einer der außergewöhnlichsten Koryphäen der Whisky-Welt – und ja: seine Aussagen haben Hand und Fuss, sind fachlich fundamentiert und können darüber hinaus über enormen Erfolg oder Mittelmäßigkeit entscheiden. Doch was sagen seine Bewertungen aus?
Schlussendlich sind sie ein Abbild seiner Meinung. Seines Geschmacks und seiner Idee von gutem Whisky. Und genau das ist es. Zumeist sind Beschreibungen und Bewertungen alles andere als objektiv, sondern geben nur die Meinung eines Einzelnen wieder. Genau so wie auch hier auf www.spirit-ambassador.de.
links: Die neue Whisky Bibel von Jim Murray | © www.whiskybibe.com
Leider Gottes jedoch fühlen sich Rankings – vor allem wenn sie medial inszeniert werden – immer wieder wie tatsächliche Bestenlisten an, deren Wahrheitsgehalt sakrosankt erscheint. Seien es Rankings für Spirituosen, Weine oder aber auch Bars oder Bartender – die Liste von Wettbewerben und Bewertungen ist lang. Und dennoch hilft uns als konkreten Konsumenten, Genießer und Käufer all dies nur wenig.  Den zumeist handelt es sich um singuläre Meinungen.

Was also taugen die Meinungen der anderen?

Diese Frage muss sich jeder selber beantworten. Schlussendlich wäre damit die Frage beantwortet, allerdings unzureichend. Gerade was Tasting-Notes anbelangt eignen sich die Beschreibungen anderer Genießer gut, um Aromen kennen zu lernen. Wenn 10 Leute etwas über Stechginster in einem Whisky sagen, dann kann auf die Idee kommen mal zu erfahren, was Stechginster eigentlich ist. Wie es riecht und schmeckt. Man kann seine eigene Sensorik in ein Verhältnis setzen. Häufig trifft man auf Menschen, die sich sehr schwer damit tun, Dinge die sie erleben, schmecken und riechen zu artikulieren. Warum also soll man nicht von Leuten lernen, die dies beruflich tun – oder zumindest die Welt an ihren Erlebnissen teilhaben lassen.
Spannend ist in solchen Situationen eine spätere Synchronisation. Je öfter eine publizierte Stimme die eigenen Erlebnisse widerspiegelt, desto sicherer kann man sein, dass Empfehlungen dieser Person einem selber schmecken werden. Ein Vertrauen ist gewachsen. Und – vor allem im Falle von Jim Murray – kann es schlussendlich auch sehr unterhaltsam sein, solche Formulierungen zu lesen – oder zu hören.
rechts: dem Whisky, welcher hier in den Warehouses von Glenmorangie liegt und reift ist der Trubel fern | © Moët Hennessy

Was man mit Rankings nicht machen sollte

Die Antwort darauf ist erstaunlich einfach: sie zu Dogmen erklären. Bloß weil Person X oder Y diesen oder jenen Whisky (Rum, Gin, Vodka, Cognac etc.) in den Himmel lobt oder in der Luft zerreißt bedeutet dies noch lange nicht, dass das Produkt weltbewegend gut oder schlecht ist. Über die Qualität des Produktes sagt es vielmehr gar nichts aus, sondern einzig und allein über die Empfindung einer einzelnen Person. Vielmehr muss die Frage gestellt werden, ob es überhaupt einen ansatzweise fairen Weg gibt, solche Rankings zu erstellen. Den Geschmack eines Produktes bewerten bedeutet doch zugleich auch ein allgemeines Urteil über das Produkt und somit auch über die Herstellung abzugeben. Schlussendlich also wird die Arbeit eines oder mehrerer Menschen bewertet.

 © www.spirit-ambassador.de

Wem jedoch steht dies zu? Wer sagt, dass man in jener Destillerie einen besseren Job macht, als in der anderen? Lässt sich die Leidenschaft, die schwere körperliche Arbeit und die Liebe zum geschaffenen Destillat über xx/100 Punkten ausdrücken? Wer schon einmal mit verschiedenen Brennern, Blendern oder anderen Angestellten einer Brennerei gesprochen hat, der wird immer wieder dieses Glitzern in den Augen erleben, wenn diese Menschen über ihren Job und dessen Ergebnis sprechen. Wer ist jedoch in der Lage dies zu bewerten – oder etwas drastischer formuliert: wer darf sich erdreisten, so etwas zu tun? Niemand – kein Blogger, kein Verkäufer und kein Journalist.
Es steht uns nicht zu, die Leistung anderer zu bewerten und sie im Zweifelsfall zu diskreditieren. Niemand hat ein Problem damit zu sagen, dass ihm jenes Produkt besser schmeckt als ein anderes – aber es ist damit nicht besser oder schlechter. Nur anders.
Wir sollten alle gemeinsam entspannter umgehen mit unserer Meinung über das Handwerk anderer – vor allem, wenn es nur um Genussmittel geht. Lasst uns lieber zusammen hinsetzen, einen Whisky einschenken und uns daran erfreuen – alleine und gemeinsam. Lasst uns Bilder beschreiben, die wir empfinden wenn wir ein bestimmtes Aroma schmecken oder riechen. Lasst uns Spass haben damit und es nicht zu einer Wissenschaft oder einem Dogma erklären. Lasst uns trinken und nicht richten! Gerne auch mit Jim Murray, denn einen unterhaltsameren Trinkkumpanen findet man selten.
Slainthe!