Der Black Tot Day – eine Erinnerung an eine 300jährige Tradition

Das Abreissen eines Kalenderblattes kann so Manches auslösen. Plötzlich stellt man fest, dass in drei Wochen Weihnachten ist (keine Bange, dem ist nicht so!) und man noch keine Geschenke hat. Eventuell wird einem auch bewusst, dass man wieder den Hochzeitstag vergessen hat oder man stellt resignierend fest, schon wieder ein Jahr älter geworden zu sein. Und dann gibt es Tage, die weltbewegend sind. Oder waren. Der 31. Juli gehört auf seine ganz spezielle Art und Weise dazu. Denn es ist schließlich Black Tot Day! Für Barleute und Matrosen ein bedeutender Tag, der Vielen eine kleine Träne ins Auge treibt. Denn genau am 31. Juli im Jahre 1970 beendete die britische Marine eine Jahrhunderte alte Tradition – die tägliche Pusser’s Ration Rum auf all ihren Schiffen. Doch beginnen wir diese Geschichte von vorne.

Die Briten, Ihre Marine und der Rum

Wer hart arbeitet, der soll auch trinken. Diese sehr alte Weisheit kommt bekanntlich nicht von ungefähr und man kann sich vorstellen, dass die Arbeit auf den Schiffen des 17. Jahrhunderts ziemlich anstrengend gewesen sein wird. Lange, harte Arbeitstage weit weg von festem Boden unter den Füßen, von Frau und Kind, können einem auch psychisch ordentlich zu setzen. Und ein kleiner Schluck hier und da hebt einfach die Stimmung und lässt vergessen. Von daher bekamen Seeleute immer auch Alkohol ausgeschenkt zu ihrer täglichen Heuer. Zuständig dafür war und ist der sogenannte Purser. Im 17. Jahrhundert – als die Briten anfingen, die Weltmeere zu erobern – war dies vor allem Bier, genauer gesagt eine Gallone pro Person pro Tag. Eine Gallone bemisst sich dabei auf etwas mehr als 4,5L – eine gehörige Portion also. Das Problem an Bier war jedoch, dass es ziemlich schnell kippte und schlecht wurde. So führte man 1655 den Rum als Äquivalent ein. Das hochprozentige Destillat – in Qualität nicht mit unseren heutigen Rums zu vergleichen – war damit das wohl sicherste Lebensmittel an Bord, denn durch den hohen Alkoholgehalt hielt es sich beständig. Die täglich ausgeschenkte Menge belief sich auf a half pint, was 250ml waren. Der Rum verlieh den Männern Mut, Kraft und eine gehörige Portion Gleichgültigkeit – genau das Richtige für ein Leben zwischen Seegang, Piraten und Skorbut. Der Zuckerrohrschnaps wurde zu einem zentralen Identifikationsmoment der Seefahrt, dem wir bis heute auch unzählige Geschichten und Mythen verdanken. Zwei davon sollen hier kurz erwähnt werden.

Nelsons Blood

Admiral Horatio Nelson – geboren 1758 –  trat schon im Alter von 12 Jahren in die britische Navy ein und begann eine steile Karriere, deren Höhepunkt er im Alter von 47 erreichte und die Ihn unsterblich werden ließ, denn die Schlacht von Trafalgar kennen die Meisten von uns. Die zahlenmäßig stark unterlegene britische Streitflotte stellte am 21. Oktober 1805 die napoleonische Marine vor Cadiz (Spanien). Trotz der Überlegenheit der französisch-spanischen Flotte durchbrach er die Reihen und besiegte in dieser historischen Seeschlacht den Erzfeind. Dieser Sieg brachte Großbritannien die Vormacht auf den Weltmeeren und Admiral Nelson den Tod. Er wurde im Laufe der Schlacht von einem französischen Schützen getroffen und tödlich verwundet. Um ihm jedoch die gebührende Ehre zu erweisen, legte man den Leichnam des Admirals in ein Fass voller Rum – zur Konservierung – und brachte ihn nach Großbritannien zurück, wo er in einem Staatsbegräbnis in St. Pauls beigesetzt wurde. Die Geschichte will es, dass einige Matrosen über die Freude des Sieges, den Kummer des Verlustes ihres Admirals und dem Durst ob der langen Heimreise sich ab und zu eines Schluckes aus genau diesem Fass bedienten. Und so entstand die Geschichte und der Name Nelson’s Blood, der bis heute eine gängige Bezeichnung für Rum ist – zumindest in der Welt der Seefahrt.

Admiral Horatio Nelson | Quelle: www.wikipedia.org

Der Tot Admiral Nelsons in der Schlacht von Trafalgar | Quelle: www.wikipedia.org

Der Trafalgar Square in London mit dem Nelson Memorial | Quelle: www.wikipedia.org

Von Skorbut zum Grog – die Geschichte eines Drinks

Admiral Edward Vernon | Quelle: www.wikipedia.org

Im Jahre 1740 – als an Horatio Nelson noch nicht zu denken war – beeinflusste ein anderer englischer Admiral die Geschicke der trinkenden Seefahrer-Nation. Admiral Edward Vernon. Dieser wurde zweier Probleme mit einem Schlage habhaft. Der Skorbut und dem permanenten Rausch der Matrosen. Er verfügte, dass die tägliche Ration Rum nicht mehr pur ausgegeben wurde, sondern in einem Mischungsverhältnis von 1:3. Dazu wird Zucker und Zitronensaft gemischt. Besonders das Vitamin C verhalf der Mannschaft der Schiffe zu einer Steigerung der Gesundheit. Vernon war dafür bekannt, einen schweren Mantel aus Grogram zu tragen, einem mit Katzenhaar verstärkten Wollstoff. Sein dadurch entstandener Spitzname Old Grogram führte dazu, dass wir diese Mischung heute als Grog kennen und lieben. Vor allem in den kalten Monaten als Heißgetränk.

Die Ansprüche der Neuzeit

The Admiralty Board concludes that the rum issue is no longer compatible with the high standards of efficiency required now that the individual’s tasks in ships are concerned with complex, and often delicate, machinery and systems on the correct functioning of which people’s lives may depend.

Das Marine-Ministerium stellte im Jahr 1969 fest, dass der alltägliche Genuss von Alkohol – damals nur noch 1/8 Pint, was 71ml bei 54,5%vol.  entspricht –  nicht mehr den zeitgenössischen Anforderungen an Leistung, Effizienz und Sicherheit entsprach. Und somit wurde nach über 300 Jahren beschlossen, die Purser’s Ration abzuschaffen. Ein allerletzte Mal wurde diese am 31. Juli 1970 ausgegeben. Wie immer usual at 6 bells in the forenoon watch after the pipe of  ‚up spirits‘, also um 11 Uhr, versammelte sich die komplette Mannschaft an Board um dem alten Ritual zu folgen. Viele von ihnen trugen Trauerflor.

Ein letztes Mal wird die Purser’s Ration Rum ausgegeben – der Trauerflor der Matrosen spricht für sich| Quelle:  www.threeofstrong.com

Mit zwei schweren Paddelschlägen wurde der spirit room geöffnet, der Purser kam mit dem Rum-Fass heraus und verteilte die zustehende Ration an die Mannschaft. Ein erster Toast wurde erhoben auf Queen Elizabeth II. und ein zweiter auf ‚A willing soul an sea room‘ (der festgeschriebene Spruch am Freitag). Und somit endete eine lange und geliebte Tradition, derer man sich Jahr für Jahr am 31. Juli erinnert. Dem Tag, an dem die britische Marine trocken gelegt wurde – dem Black Tot Day. Heute – wieder einem Freitag – jährt sich dieser Abschied nunmehr zum 45. Male. Darauf erheben wir unser Glas, gefüllt mit einem Schluck Pusser’s British Navy Rum. Dieser Rum wurde in den 1980er Jahren nach dem originalen Rezepten der britischen Navy kreiert und erinnert an die tägliche Ration Rum.
Cheers!