Die Ursprünge des Champagners

Eine historische Einordnung des vielleicht berühmtesten aller Weine ist ein spannendes Projekt, denn Champagner ist nicht nur die Verkörperung von Luxus und Eleganz, schließlich steht wie kaum ein anderer Wein Champagner auch für besondere Momente der Politik und des Zeitgeschehens. Genauso ist auch die Geschichte des Champagners und mit ihm die Geschichte einer ganzen Region so vielschichtig und aufreibend – und bedingen sich doch auch so sehr. Denn ein Wein kann niemals ohne die Geschichte seiner Region und seiner Menschen verstanden werden.

Am Anfang stand ein Mythos

Den Weinanbau in der Region verdanken wir – wie so oft den Römern. Sie haben hier in ihre nördliche Provinz die Reben gebracht. Doch es ist nicht nur der Wein, mit dem sie die Gegend prägen sollten, es ist auch eine Geschichte über die Entstehung einer der wichtigsten Städte der Region: Reims. Die Legende besagt, dass Reims eine Art Gegenentwurf zu Rom sein sollte, denn Remus, der Bruder Romulus’ fühlte sich ob der Namensgebung der italienischen Capitale nicht ausreichend gewürdigt und gründete weit im Norden einen wichtigen Handlungsknoten. So schön und spannend diese Legende klingt, so falsch ist sie jedoch auch, entstammt der Name Reims doch von den Remern ab, einem Unterstamm der heutigen Belgier. Und dennoch ist der Einfluss der Römer nicht nur für die Stadt von entscheidender Bedeutung, sondern auch für das Kulturgut Champagner, denn neben den Trauben verdanken wir ihnen auch die eindrucksvollen und gigantischen Crayeres – jene Kalkkeller, in denen der Champagner zur Perfektion reift.

Reims ist mehr als eine Stadt voller Geschichte – es ist vor allem eine Stadt die lebt und jung ist. Es ist eine Studentenstadt, die nach dem I. Weltkrieg im Stile des Art Deco aufgebaut wurde. | © www.spirit-ambassador.de

Kreide und Architektur

Es sind vor allem die Keller unter Reims, die in diesem besonderen Stil errichtet wurden. Domartige Ausgrabungen, die mehrere zehn Meter in die Tiefe gehen und sich ausbreiten. Die hier abgebaute Kreide nahm man für die Errichtung der eindrucksvollen Prunkbauten der immer weiter anwchasenden Handelsstadt. Auch wenn Epernay nunmehr auch eine prunkvolle Stadt ist, so ist Reims trotz der eigentlich entfernten Weinberge die Hauptstadt der Champagne. Hier entwickelte sich über viele Jahrhunderte ein Handelszentrum, welches von Franzosen und Römern, Engländern und Deutschen, Schweizern und vielen anderen Nationen besucht wurde.

Bild links: die eindrucksvollen Crayeres unter Reims – hier bei Charles Heidsieck | © www.spirit-ambassador.de

Reims war eine der größten Städte des römischen Imperiums, was sich auch an den Monumentalbauten wie dem Porte de Mars andeutet, einem der größten Triumphbögen der Römer. Doch die beeindruckendste Architektur – das mögen mir die Erbauer der Kathedrale, zu der wir noch kommen werden, verzeihen – befindet sich unter der Stadt.
Es sind heute insgesamt über 600 Kilometer Keller unter der gesamten Champagne zu finden, die auch völlig berechtigt Teil des UNESCO Weltkulturerbes sind, schließlich wurden die ersten von ihnen auch vor 2000 Jahren errichtet. Es ist eine Stadt unter der Stadt, die vor allem in Kriegszeiten Schutz bot. Heute beheimaten die langen Keller Millionen von Flaschen und die eindrucksvollsten Kreidekeller finden sich hier in Reims. Es sind jene der Häuser Charles Heidsieck, Ruinart, Veuve Clicquot, Taittinger und Pommery welche in dem besonderen Domstile der Crayeres gebaut wurden.

Ein politisches Zentrum Frankreichs

Doch nicht nur architektonisch war Reims eine Metropole. Vielmehr war diese Stadt, die heute keine 200.000 Einwohner mehr hat, ein politisches Zentrum Frankreichs. Hier wurde im Jahre 496, in einer kleinen Kirche durch den Heiligen Remigius, dem Bischof von Reims der König Chlodwig I. getauft. Mit diesem Akt begann die eigentliche Geschichte des Frankenreiches und ab 987 eine Tradition, die sich bis zum Ende der französischen Monarchie hielt. In diesem Jahr wurde Hugo Capet, der Begründer des Geschlechts der Kapetinger hier zum König von Frankreich gekrönt, nachdem der letzte Karolinger König Ludwig V. verstorben war. Nach ihm wurden bis zur französischen Revolution alle weltlichen Oberhäupter Frankreichs hier inthronisiert.
Aus einer Verbundenheit mit dem Ort, an dem die Krone des mächtigen Reiches empfangen wurde, hielten auch die Weine der Region – damals allesamt still und ohne Perlage – Einzug an dem in Paris befindlichen Hofe. Dies geschah vor allem zum Ärgernis des burgundischen Klerus, der stets davon überzeugt war, einfach die besseren Weine zu machen. Eine tatsächliche Bewertung der damaligen Qualitäten lässt sich keinesfalls objektiv vornehemen, doch schlussendlich haben sich ja viele Generationen später die Weinmacher beider Regionen darauf geeinigt, völlig unterschiedliche Stilistiken zu erzeugen. Bis dies jedoch allgemeingültig war, sollte noch viel Zeit vergehen und auch unendliche Debatten darüber, welcher Wein der bessere sei. Das einfache Volk im übrigen war zur damaligen Zeit vom Genuss der Weine ausgeschlossen; ihnen blieb – wenn überhaupt – Ale und Bier.

Die berühmte Kathedrale von Reims – hier wurden Könige gemacht| © www.spirit-ambassador.de

Zeugen der Macht

Wie bedeutend Reims und die Region südlich der Handelsstadt war, bezeugt vor allem die Kathedrale. Ein – heute wieder aufgebautes – imposantes Bauwerk, welches kein stummer Zeuge der aufregenden Geschichte ist, sondern diese förmlich in den Raum zu erzählen vermag.

Ein illustrer Zeuge der Geschichte: der berühmte lachende Engel aus dem linken Portal der Kathedrale. Vielleicht hatte auch er ein Glas Champagner? | © www.spirit-ambassador.de

Auf den Mauern der ersten Kirche aus dem 5. Jahrhundert – jener, in der Chlodwig getauft wurde – begann man im Jahre 1211 mit dem Bau der Kathedrale, nachdem die davor stehende Kirche bei einem Brand nur ein Jahr zuvor völlig zerstört wurde. Das nahezu perfekte Beispiel einer hochgotischen Baufassade erzählt die abwechslungsreiche Geschichte der Region und gibt auch Hinweise auf die Bedeutung des Weinbaus hier. Das jedoch schönste Detail der Fassade findet sich am linken Portal der Westseite, neben dem Haupteingang: der lächelnde Engel. Es gibt keine andere Figur an oder in dem Gebäude, welche ehrlicher und vor allem erfrischender lächelt als dieser eine Engel – wahrscheinlich weiß er um die freudige Wirkung der Weine seiner Region. Und wahrscheinlich erfreut er sich auch an der Tatsache, dass Reims nach vielen Kriegen und häufiger Zerstörungen wieder strahlt im Glanz der Moderne und vor allem nicht zu einer Museumsstadt geraten ist, sondern vielmehr lebt und von jungen Menschen bevölkert wird – dazu jedoch an anderer Stelle mehr, hier geht es um die historische Entwicklung der Region und mit ihr der, ihrer Weine.

Der Kampf um Prestige

Der schon angedeutete Wettstreit mit dem südlichen Nachbarn im Burgund skizziert die Ernsthaftigkeit, mit der Weinbau und Weinbereitung hier in Frankreich betrieben wurden und auch noch bis heute werden. Bestimmte Lagen der Champagne erfreuten sich damals schon einem hervorragenden internationalen Ruf. Vor allem Hautvillers und Aÿ waren weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt für ihre exquisiten Weine, aber auch Bouzy oder Ambonnay. Dies lag neben der tatsächlichen Qualität der Weine vor allem wieder an der geopolitischen Lage. Die Champagne war während des 100jährigen Krieges eines der Hauptschlachtfelder und 1358 Aufmarschgebiet der Engländer, die angeblich über 3.000 Fässer Wein aus den Kellern stahlen und damit erstmals unter der Führung von Edwart I. in Kontakt mit Champagner kamen. Wie sich später herausstellen wird, sollen vor allem die Engländer entscheidend für die weitere Entwicklung der berühmten Weine gewesen sein. Dieser friedlichen Beeinflussung geht jedoch eine militärische Besatzung im 14. Jahrhundert vorraus, welche erst durch Karl VII. beendet wurde. Er und seine Armee – beflügelt durch eine gewisse Johanna von Orleon vertrieben die Engländer und brachen das gewachsene Bündnis zwischen jenen und dem burgundischen Herzog Phillip, der die englische Unterstützung nutzen wollte, um seinen Geltungsanspruch in Paris zu festigen. Auch wenn England militärisch unterlag und seit dieser Zeit den unliebsamen Status des „ewigen Feindes“ besitzt, so war für die Weine des Landes diese Zeit der Besatzung eine gute Vorbereitung für die Durchdringung internationaler Märkte. Noch heute schließlich gilt London als einer der wichtigsten Umschlagplätze für Weine aus der Champagne, dem Burgund oder Bordeaux.
Die Auseinandersetzung zwischen den Champenoise – welche stets an der Seite der französichen Könige standen und dem Burgund wurden nicht nur militärisch-politisch ausgetragen, sondern auch in Form des Ringens um Prestige in der Weinherstellung. Es waren vor allem diese beiden Regionen, welche stets im Konflikt lagen, wenn es darum ging, wer den besseren, den bekömmlicheren oder im Zweifelsfall auch den gesünderen Wein machte. Antreiber dieser letzten Debatte waren zumeist die königlichen Hofärzte, die je nach ihrer Herkunft Champagner-Weine oder eben jenen aus Burgund den Vorzug gaben und dem amtierenden König jene zur Leibespflege – im Sinne einer inneren Anwendung – darboten.

Das Dorf Ambonnay – eine der ältesten und berühmtesten Lagen der Champagne | © www.spirit-ambassador.de

Zumeist waren beide Weinregionen an den Tafeln in Versailles vertreten, doch 1575 wurde erstmals ausschließlich Champagner – immer noch als Stillwein – bei den Banketten Heinrich III. serviert. Dies war ein ungemeiner Auftrieb für die Region und manifestierte die Stellung der Weine der Champagne. Sorgte der royale Fokus doch auch für eine deutliche Ansammlung von Experten auf dem Gebiet der Weinbereitung und auch für ein gesteigertes Interesse, noch bessere Weine zu kredenzen.

Hier in der südlichen Champagne – in Essoyes – ist man dem „verfeindeten“ Burgund näher als Reims  | © www.spirit-ambassador.de

Nicht nur unter Heinrich III. wurde stiller Champagner zu dem In-Getränk der Zeit. Als 1610 Ludwig XIII. gekrönt wurde, setzte er den Champagner-Absolutismus fort, welcher in den Eskapeden seines Erben – Ludwig XIV. – gipfelte. Angeblich trank der junge König kaum etwas Anderes. Bis in das vinophil entscheidende Jahr 1694, als mit Guy-Crescent Fagon ein neuer Leibarzt die Bühne betrat, welcher burgundische Wurzeln hatte. Schnell wurde kommuniziert, dass der Sonnenkönig fortan nur noch die Weine des Burgund trinken würde, wären diese doch feiner und vor allem weniger von Säure geprägt – ein Fakt, der die Besonderheit des Terroirs und des heutigen Champagners auszeichnet. So begann der Wettstreit aufs Neue und wurde schlussendlich aufgelöst durch die Auseinanderentwicklung der jeweiligen Stile.

Ein besonderer Bund – le Ordre des Côteaux

Zur Hochzeit der sonnenköniglichen Champagner-Extase taten sich einige junge Herren ihrer Zeit zusammen, um die Großartigkeit der Weine der Champagne zu verkünden. Unter Ihnen die herausragenden Persönlichkeiten des Commandeur de Souvré, der Marquis de Sillery, der Duc de Mortemart, der Marquis de Saint-Evremond oder Comte d’Ollone. Diese illustre Ansammlung an Gourmands und Weinkennern kann mit Fug und Recht als eine der ersten Zusammenschlüsse von Feinschmeckern der Weltgeschichte betitelt werden. Ihr Ziel war es, das Beste der französischen Regionen zu erkunden und diesem zu fröhnen. Es war eine dekadente Art des Ernährens, aber zumindest ein Vorläufer unserer heutigen regionalen Fokussierung bei Speisen. Und vor allem waren die Herren allesamt große Freunde des Champagners, so dass ihr Orden heute wieder besteht und ein Zusammenschluss von Connaisseuren ist, deren Aufgabe darin besteht, die Großartigkeit der Weine der Champagne in die Welt zu tragen. Wieder aufleben ließen den Orden 1956 unter anderem François Taittinger und Roger Gaucher und nunmehr ist er essentieller Bestandteil der Kommunikationsstrategie des Comité Interprofessionnel des Vins de Champagne.
Der ursprüngliche Name der Vereinigung war „Les trois Côteaux“ – die drei Weinberge. Es waren damit Aÿ, Hautvillers und Avenay gemeint, deren Weinqualität damals als absolutes Maß galt. Erst im Laufe der Zeit und der Vergrößerung der Gemeinschaft geschuldet wurde daraus der Orden der Weinberge – le Ordre des Côteaux.

Stille Perfektion – die frühen Weine der Champagne

Doch was waren das eigentlich für Weine, die damals schon den Ruf der Region förderten und die von Königen geschätzt und von aller Welt umkämpft waren? Mit den schäumenden Weinen unserer Zeit hatten Sie wenig zu tun, soviel steht fest. Gekeltert wurden hier sowohl weiße als auch rote Rebsorten, auch schon jene drei Weine, die heute für den Champagner so wichtig sind, allen vorran jedoch Pinot (Noir). Auf Grund der nördlichen Lage – lange galt die Champagne als das nördlichste Anbaugebiet für Wein – wurden vor allem die Rotweine jedoch nie so intensiv in ihrer farblichen Ausprägung, wie jene des Burgund zum Beispiel. Von daher lässt sich in den Quellen immer wieder die Beschreibung von „Oeil de Perdix“ finden, also der Farbe des Rebhunhauges entsprechend. Damit sind blasse Rosé- und Rottöne gemeint, wie sie bei gemeinsamer Fermentierung von roten und weißen Trauben und einer generell geringen Farbextraktion während der Maischung mit den Schale eintritt. Noch heute benennen einige kleinere Häuser ihren Rosé-Champagner mit diesem historischem Namen.

Die geschützte Lage „Clos Saint Jacques“ von Bollinger besteht aus Weinstöcken, welche noch vor der Reblausplage Mitte des 19. Jahrhunderts gepflanzt wurden und zeigt weit zurück in die oenologische Geschichte der Champagne| © www.spirit-ambassador.de

Entgegen der Meinung der Winzer aus dem Burgund waren zur damaligen Zeit die Rotweine der Champagne äußerst gefragt. Päpste und Könige waren treue Kunden und einige erwarben sogar Weinberge um die sichere Versorgung zu garantieren. Es sind vor allem die Namen Aÿ und Bouzy, welche hier an vorderster Stelle genannt werden müssen, wo die vielleicht besten Rotweine der Champagne hergestellt wurden. Noch heute gibt es einige kleine Winzer, die sich auf diese Tradition berufen. Auch das große Haus Bollinger stellt einen Rotwein her, der nunmehr als Côteaux Champenoise verkauft wird und ein toller Rückblick in die Vergangenheit ist. Heute jedoch ein ganz klares Nischenprodukt mit Seltenheitswert.

Gottes Werk und Teufels Beitrag

Dieser berühmte Mönch soll eine Zäsur in der Geschichte des Champagners darstellen – die Frage lautet: hat er, oder hat er nicht den Wein zu Sternen gemacht? | © www.spirit-ambassador.de

Die wichtigste Unterscheidung zu heutigen Weinen jedoch ist die Tatsache, dass Champagner damals – bis Mitte / Ende des 17. Jahrhunderts heran zumeist ein stiller, nicht schäumender Wein war. Zumindest wurde diese Stilistik bewusst erzeugt. An dieser Stelle tritt das Terroir mit seiner besonderen klimatischen Bedingung entscheidend hervor. Die nördliche Lage der Champagne versetzte die gärenden Weine in einen Winterschlaf, welcher teilweise die Fermentation unterbrach und die Aktivität der Hefen einstellte. Wurde es im Frühjahr nun wieder war, so begannen die Weine weiterzugären, waren jedoch teilweise schon abgefüllt und in halbwegs druckstabilen Gefäßen eingelagert. Dabei entstand die heute so geschätzte Kohlensäure, welche sich als feine, elegante Perlen darbietet. Damals jedoch wollte man dies keineswegs erzeugen. Ziel ware es stets, große Weine zu produzieren – Stillweine.
Da man sich die Entstehung der Perlage zur damaligen Zeit nicht erklären konnte, erklärte man diese schäumenden Weine schlichtweg zu Teufelswein, den es zu verhindern galt. Dieser Aufgabe widmete sich unter anderem ein Mönch in der Abtei von Hautvillers. Aber diese Geschichte wird im nächsten Artikel genauer betrachtet.
In diesem Sinne!
Cheers!