Eine Geschichte von Gott, Engländern und irischem Starrsinn

Viele Zufälle und zum Teil widrige Umstände begleiteten die irischen Whiskey auf seinem Weg in das 19. Jahrhundert. Doch am Ende schien sich alles auf eine große Zeit einzustellen. Die steuerlichen Erleichterungen des Excise Act von 1823 schufen einen enormen Aufschwung in der Whiskey-Industrie und eine Hinwendung zu legalen Brennereien. So wurden aus den 32 registrierten Brennereien im Jahre 1821 in nur sechs Jahren 82 und 1835 ganze 93 offizielle Destillerien. So viele, wie es nie wieder werden sollten. Doch es wäre nicht so typisch irisch – im Böllschen Sinne; wenn jetzt einfach ohne Haken goldene Zeiten Einzug halten sollten. Ein ernstes Bedrohungspotential für das Wachstum des irischen Whiskeys stellte die Templerenzer-Bewegung um den Franziskaner Mönch Theobald Methews dar. Dieser gründete am 10. April 1838 die „Cork Total Abstinence Society“, welche innerhalb von nur neun Monaten über 150.000 Unterstützer fand. Doch war es die irische Seele, die dem Whiskey zu Seite sprang, denn das Leben auf der Insel lässt keinen Platz für solch dekadente Entsagungen. Schnell begannen die Leute, die vormalige Abstinenz wieder abzulegen und genossen ihren Whiskey – hatten sie doch auch allen Grund dazu, denn es sollte das Land hart treffen in der nächsten Zukunft.

Der große Hunger – über eine irische Zäsur

Zur damaligen Zeit stand Irland nunmehr knapp 700 Jahre unter englischer Bevormundung. Das eigentlich fruchtbare Land der grünen Insel gehörte zum größten Teilen englischen Großgrundbesitzern, welche den irischen Bauern für die Bewirtschaftung Pacht abverlangten. Der größte Teil der Ernte bzw. der Viehzucht wurde verwand, um Pacht und Steuern zu bezahlen und so blieb der einfachen Bevölkerung nur das Notwendigste zum eigenen Verbrauch. Das Hauptnahrungsmittel bildete hierbei die relativ anspruchslose und gut gedeihende Kartoffel, welche jedoch über viele Jahre in reinster Monokultur angebaut wurde.
Durch fehlende Fruchtwechsel wurde der Boden äußerst empfänglich für Schädlinge und so kam es, dass 1845 eine Kartoffelfäule einsetzte, die zuvor schon in den USA, Kontinentaleuropa und England enorme Schäden anrichtete. Auch in Irland wurde die gesamte Jahresproduktion geschädigt und so brach eine große Hungersnot aus, welcher im Laufe weniger Jahre bis 1852 rund eine Million Menschen zum Opfer fielen. Nicht ganz Irland musste Hungern. Die Landeseigner, vor allem aber deren Verwalter verdienten sehr gut an der Pacht der armen Bauernschaft, welche das Lande bearbeitete. Sie konnten sich ausreichend andere Nahrung wie Getreide, Fleisch oder anderes Gemüse leisten. Weiterhin wurde vor allem Roggen, Gerste und Rindfleisch exportiert, aber die einfach Landbevölkerung konnte sich diese Nahrungsmittel eh nicht leisten. Das Problem war weniger die Knappheit an Nahrung – vor allem nach 1848; vielmehr die ungerechte Verteilung innerhalb der irischen Gesellschaft.

Das Denkmal in Dublin zum Gedenken an die große Hungerkatastrophe | © tauav via fotolia.com

Gleichzeitig begann die große Diaspora, welche dem Land nochmals zwei Millionen Einwohner raubte. Dieses Unheil war ein tragischer, jedoch auch bedeutender Punkt in der irischen Geschichte und zeigte wiederholt den irischen Hang zu Gottesgläubigkeit, aber auch zu einer den Iren eigenen Sturheit. John Mitchel, ein führender Kopf der damaligen Unabhängigkeitsbewegung formulierte es in einer treffenden Ambivalenz wie folgt: „Der Allmächtige sandte die Kartoffelfäule, aber die Engländer schufen die Hungersnot“ (Zit. nach. Historical Notes: God and England made the Irish famine).

Bündnisse, Zersteuung und Improvisationstalent – die irische Stärke

Doch es ist die Stärke der Iren, aus der Not eben auch immer eine neue Möglichkeit zu machen – vielleicht macht sie dass zu einem der wenigen Völker, welche die wahre Bedeutung von crisis verstanden haben. Natürlich fiel Einiges auf die Whiskey-Industrie zurück und vor allem kleinere Brennereien hatten unter der Krise zu leiden, aber ein Heil fanden diese im Zusammenschluss. Eine der wichtigsten Vereinigungen irischer Brennereien fand im Jahre 1867 statt und betraf die Destillerien rund um Cork, wo sich Daly’s, Northmall, The Green, Watervoce sowie Midleton zusammenschlossen. Diese Gemeinschaft, diese Stadt und vor allem dieses Zentrum der Destillation sollte für viele Jahre das Herz der irischen Whiskeyproduktion sein. Weitere Bündnisse folgten in den nächsten Jahren, von denen 1891 wohl das wichtigste zwischen George Roe und William Jameson geschlossen wurde, welche sich zur Dubliner Whiskey Distillery zusammentaten.

Midleton Distillery – eine der wenigen Brennereien, welche dank der Zusammenschlüsse die Krisenjahre des irischen Whiskeys überstanden hat | © Natalia Pavlova via fotolia.org

Nicht nur jene Bündnisstrategie war die Folge einer der verheerendsten Hungerkatastrophen Europas, auch positive Effekte waren zu vermerken. Zwei Millionen Emigranten – viele davon, die in die USA gingen – waren ein geradezu fantastisches Marketinginstrument zur Bewerbung der irischen Destillate und damit auch der Grundstein für den globalen Erfolg des Whiskeys von der grünen Insel. Dieser schickte sich nämlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, die wohl populärste Spirituose der Welt zu werden. Vor allem der typische Stil durch die Reduktion des Gerstenmalzes zu Gunsten ungemälzten Getreides, der typische dreifach destillierte pure pot still Stil erzeugte einen sehr leichten, feinen und fruchtigen Brand, der deutlich milder war als die heftigen, zweifach destillierten Malzdestillate Schottlands. Doch auch hier – man meint es zu ahnen – ergibt sich ein Einschnitt in den Erfolg irischen Whiskeys, welcher vor allem durch Starsinn seitens der Brenner verschuldet wurde.

Ignoranz, Starrsinn und glückliche Fügungen – die irischen Schwächen

Im Jahre 1833 verfügte der ehemalige irische Steuerbeamte Aeneas Coffey ein Patent über die Weiterentwicklung der von Robert Stein entwickelten patent still, einer kontinuierlichen Brennsystematik, welche extrem feine, reine und hochprozentige Alkohole destillierte und dies nicht chargenweise, sondern durchgängig. Diese Neuerung ermöglichte durch ihren Einsatz die äußerst effektive und vor allem günstige Herstellung extrem hochprozentigen und damit sehr feinen und leichten Alkohols. Solch eine Stilistik jedoch wurde fast unisono durch die irischen Brenner abgelehnt – im Gegensatz zu den Konkurrenten in England oder Schottland. Die Nachwirkung der Kartoffelfäule in Schottland brachte es mit sich, dass es einfach nicht genug Gerste gab, um zu hundertprozent Malz-Destillate zu produzieren, also besann man sich auf ungemälzte Getreidesorten, wie auch das zum Teil aus den Vereinigten Staaten importierte Mais. Durch die gesetzliche Reduzierung der zur verfügung stehenden Mengen Gerste in den sogenannten Corn Laws wurde der Einsatz der Coffey Still eine probate Alternative und das Ergebnis dieser Destillation – der Grain Whiskey – wurde mit den klassischen Pot Still Destillaten geblendet.
Dies ist die Entstehungsgeschichte einer neuen Kategorie, die in Schottland sich anschicken sollte, die Whisky-Welt gehörig zu verändern. Für die konservativen – man verzeihe die Wiederholung – sturen Iren war dies keine Option – man hielt an den reinen Pot Still Destillaten fest. Man arbeitete sogar vehement gegen diese Neuerung und so erschien in Dublin im Jahre 1878 ein Pamphlet, welches als Kernaussage folgendes beinhaltete: „Good, bad or indifferent; but it cannot be whiskey; and it ought not to be sold under that name“ (John Jameson: The Truths about Whiskey). Diese ablehnende Haltung soll ihnen noch viele Jahre später Probleme bereiten. Erst einmal jedoch schien es keinerlei Auswirkung auf den Absatz irischen Whiskeys zu haben, brach doch Ende des 19. Jahrhunderts ein großer Konkurrent weg. Mit dem Einsetzen der Reblausplage versiegte die Produktion von Cognac und Brandy und die durstigen Kehlen ganz Europas lechzten nach hochprozentigem Alkohol, den Irland und auch Schottland zu genüge liefern konnten. Mit dieser schicksalshaften Fügung ließen sich einige Fehlentscheidungen in ihrer Auswirkung gut vertuschen.

Ein Ire der die Brennereiwelt veränderte – Aeneas Coffey | Quelle: WhiskyScience.blogsport.de

Auch der in der Whisky-Geschichte legendäre Patison-Crash, der Zusammenbruch eines der bedeutendsten Blendinghäuser Glasgows hatte Auswirkungen auf die irische Produktion, war doch diese auf faulen Krediten gegründete Unternehmung auch diesseits der irischen See ein bedeutender Abnehmer von Destillaten. All diese Schicksalsschläge konnten dem irischen Whiskey in der Endphase des 19. Jahrhunderts jedoch kaum ernstzunehmende Einbußen versetzen. Die Welt hatte Durst und Irland versorgte sie mit allem, was es produzieren konnte – so lange es nicht von den eigenen Einwohnern getrunken wurde. Aber es war genug Whiskey vorhanden, schließlich hatte sich die produzierte Menge von 1823 bis 1900 um das mehr als vierfache vergrößert. Goldene Zeiten für die Brenner Irlands – trotzt vieler schlechter Umstände.
Doch dies war noch lange nicht das Ende des irischen Leidensweges, an den sich nicht nur die Geschicke des Whiskeys banden. Das bevorstehende 20. Jahrhundert hielt noch einige schwere Schicksalsschläge bereit – auch für die Menschen der grünen Insel.