Über brandenburgische Hochzeiten, französischen Cachaca, Improvisation und die Entdeckung des Vulkans

Wenn der nette Nachbar von unten heiratet, wird man des öfteren ob der Nähe zur Feier eingeladen. Dies erging Sebastian Trommsdorf vor einigen Jahren so. Aus dem urbanen Berlin verschlägt es die Hochzeitsgesellschaft in eine kleine brandenburgische Ortschaft, von der es tendenziell schwer ist, zu fliehen. Dies wird vor allem dann zu einem Problem, wenn man die Braut partout nicht leiden kann. Die einzige Rettung ist in diesem Fall das Treffen von Gleichgesinnten. Dieses Glück personifizierte sich in Sebastians Fall in der Schneiderin der Brautkleides – Angela Séraline.
Von dieser Hochzeit im Jahr 2008 bis zum letzten Sonntag (09.08.2015), als Sebastian und Angela in der Kreuzberger Zyankali Bar ihre Rhum Agricoles vorstellten war es ein langer Weg.

Eine große Herausforderung

Aus den Hochzeitsgästen wurde schnell ein Paar mit einer gemeinsamen Idee: ein karibisches Restaurant. Diese Idee wurde vor allem durch die Herkunft von Angela beeinflusst, denn die in Paris lebende Modeschneiderin kommt gebürtig von der Insel Martinique. Jenes 1.200 km² Eiland, an dessen Küsten sich der Atlantik und das Karibische Meer treffen und dessen wichtigste Wirtschaftszweige neben dem Tourismus und dem Karneval die Banane und das Zuckerrohr sind. Letzteres vor allem als Zuckerrohrsaft-Destillat: Rhum Agricole.
Eines der größte Probleme vor dem man steht, wenn man ein solches Projekt vor Augen hat, ist die Versorgung mit authentischen Zutaten. Schnell mussten beide feststellen, dass dies schier unmöglich ist. Der Weg hin zu einer Import-Firma war dann nicht mehr allzu weit.

Angela und Sebastian Trommsdorf vor der Bar Zynakali in Berlin Kreuzberg | © www.spirit-ambassador.de

Die Besonderheit der Rhums von Martinique

Heute betreiben sie mit dem Comptoir de rhum Séraline de Martinique in der Fehmarn Straße ein Direktimport für die Rhums der Insel Martinique und haben es sich als Ziel gesetzt, diesen Rhum in Deutschland bekannt zu machen. Eine große Herausforderung wie beide jeden Tag feststellen, denn im Gegensatz zu Rum aus Melasse kennt kaum jemand Rhum aus Zuckerrohrsaft. Schon die französische Schreibweise mit ‚h‘ sorgt regelmäßig für Verwirrungen.

Die scherzhafte Formulierung, es handle sich dabei um so etwas wie „französischem Cachaca“ deutet darauf hin, dass auch in der Barszene Deutschlands Rhum Agricole noch nicht den Stellenwert hat, den er zum Beispiel in Frankreich einnimmt. Sicherlich ist der Vergleich zum Nationalgetränk Brasiliens nicht von der Hand zu weisen, da beide aus dem vergorenen Saft des Zuckerrohrs hergestellt werden. Doch dennoch liegen Welten dazwischen.

Der Gastgeber des Rhum Tastings: Tom Zyankali hinter seinem Tresen in der Gneisenau-Strasse im Berliner Bezirk Kreuzberg | © www.spirit-ambassador.de

Eine kleine Auswahl der Rhums, die an diesem Sonntag verkostet wurden | © www.spirit-ambassador.de

So wird bei der Herstellung von Rhum Agricole keine Hefe dazu gegeben, wenn es zur Fermentation des Zuckerrohrsaftes kommt. Denn dies geschieht auf Martinique unter freier Luft ausschließlich mit wilden Hefen. Das verwendete Zuckerrohr stammt von nur neun alten Sorten, die auf Martinique wachsen. Auch in der Destillation hebt man sich auf besondere Art hervor, denn auf Martinique wird nur ein mal destilliert – und dass auch nur 2 Monate im Jahr. Weiterhin darf nicht überall Zuckerrohr angebaut werden, um die Qualität des Grundwassers zu schützen. All diese Restriktionen haben dazu beigetragen, das Rhum Agricole von Martinique ein sehr definiertes Produkt ist und dieser Umstand wurde mit einem Güte-Siegel belohnt. Martinique ist die einzige R(h)um-Region, die ein klassisches Herkunftssiegel besitzt –  wie es Champagner oder Cognac auch habe. Dieses AOC – Appellation d’Origine Contrôlée – schützt die Herkunft des Inselprodukte seit 1996.

3 Destillerien – 3 Stile

Dieses Siegel macht die Rhums von Martinique zu einer geschützten Kategorie – das AOC | © www.spirit-ambassador.de

Und auch die Unterschiede auf der Insel zwischen den jeweiligen Destillerien sind beeindruckend – zumal alle auf die gleiche Art und Weise ihren Rhum herstellen.
Auf Martinique, das etwas größer als die Insel Rügen ist, leben ca. 400.000 Einwohner und dazu gibt es 13 Hersteller von Rhum, die von insgesamt 17 Familien geführt werden. Und dieses Familienbusiness ist sehr traditionell. Es war Sebastian nur über den familiären Kontakt seiner Frau Angela (sie heirateten 2009) möglich, dort geschäftlich ernst genommen zu werden.
Heute importieren beide verschiedene Produkte unterschiedlicher Brennereien. Darunter größere Häuser wie HSE – Habilitation Saint-Etienne. Diese Brennerei zählt zu den erfolgreichsten Häusern der Insel und wurde 1882 auf den Grundmauern einer alten Zuckerfabrik errichtet. Pro Jahr werden dort knapp 450.000 Liter Rhum hergestellt. Im Vergleich dazu: einer der erfolgreichsten Melasse-Rums der Welt – Havana Club – produzierte 2008 schätzungsweise 30,6 Mio. Liter Rum.
Doch der Rhum kann sich mehr als sehen lassen! Der traditionelle blanco Rhum von HSE stellt einen ganz klassischen Agricole dar. Sehr stark ausgeprägte grüne, grasige Noten und gelbe Früchte. Ein fantastischer Rhum, der wie alle blanco Rhums für 3 Monate in Stahltanks ruhte um sich zu harmonisieren. Neben HSE gab es noch zwei weitere Häuser, die an diesem wunderschönen Sommersonntag vorgestellt wurden: Dillon und Depaz.
Dillon ist neben HSE eine der erfolgreichsten Marken von Martinique und gilt als der Bacardi Frankreichs, denn dort ist er Marktführer. Und dies alles bei einer mehr als wechselwütigen Geschichte. Erst seit 1954 wird bei Dillon wieder destilliert, nachdem dort viele Jahre kein Rhum hergestellt wurde. Hier wird besonders die Fassarbeit deutlich, denn auf Martinique kommen neben klassischen Ex-Bourbon Fässern natürlich viele französische Wein- als auch Cognac-Fässer zur Verwendung. Diese Vielseitigkeit ermöglicht ein fantastisches Aromenprofil.
Die wohl stärkste Überraschung jedoch bildet die letzte Destillerie: Depaz.
Die Geschichte dieser Destillerie geht bis in das Jahr 1635 zurück, als die ersten französischen Kolonialisten Konzessionen für die Herstellung von Branntwein erhielten. Der einschneidendste Moment für Depaz war jedoch der 08. Mai 1902. An diesem Donnerstag ereignete sich einer der schlimmsten geologischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Der Mount Pelée brach in einer gewaltigen Eruption aus und vernichtete die Ortschaft Saint Pierre, der ehemaligen Hauptstadt  Martiniques die man als „das Paris der Karibik“ kannte. Nahezu 30.000 Menschen kamen damals innerhalb kürzester Zeit ums Leben. Auch die Familie Depaz wurde fast vollständig ausgelöscht. Nur der Sohn Victor Depaz überlebte, da er sich zum Zeitpunkt der Katastrophe des Studiums willen in Bordeaux befand. Er erfuhr per Telegramm von der Katastrophe, kam zurück nach Martinique und eröffnete knapp 20 Jahre später wieder eine Destillerie.

Die große Überraschung des Rhum Agricole Tastings – die mineralischen Destillate von Depaz | © www.spirit-ambassador.de

 1929 brach der Vulkan ein zweites Mal aus, doch wie durch ein Wunder wurden St. Pierre und die Brennerei Depaz verschont. Die Lage an den Hängen des Pelée birgt sicherlich eine gewisse Gefahr, aber auch eine enorme Bereicherung. Das dort angebaute Zuckerrohr ist so mineralisch, dass es einen ganz eigenen Geschmack in den Rhum bringt, der dadurch sofort von anderen unterschieden werden kann. Definitiv die Entdeckung dieses Nachmittags, der viel Licht in das noch vorhandene Dunkel der Rhums von Martinique gebracht hat.

Abschließend durfte ein Ti-Punch – das Mixgetränk Martiniques – natürlich nicht fehlen.
Vielen Dank an Tom Zyankali und sein Institut für Unterhaltungschemie sowie an Sebastian und Angela für diesen tollen Einblick! Es lohnt sich definitiv, sich mit diesen tollen Produkten auseinander zu setzen.

Tasting Liste

HSE blanc 55%vol. (weißer blanco Rhum mit 3 monatiger Stahltank-Lagerung)
Dillon blanc 55%vol. (weißer blanco Rhum mit 3 monatiger Stahltank-Lagerung)
Depaz blanc 55%vol (weißer blanco Rhum mit 3 monatiger Stahltank-Lagerung)
HSE Cuvée 2012 mit 50% (Ein Jahrgangscuvée mit zwei-jähriger Reifung)
HSE Élevé sous bois mit 42%vol. (in ehemaligen Cognac-Fässern bis zu 18 Monate gereift)
Depaz Doré 50%  (2 Jahre in Weinfässern gereift)
HSE Rhum Vieux VO 42% (für mind. 3 Jahre gereift)
Dillon Rhum Vieux VO 40% (für 3 bis 5 Jahre in kleinen Limousine-Eichen Fässern gereift)
Depaz Rhum Vieux VO 45% ( für mind. 3 Jahre in Weinfässern gereift)
HSE Black Sheriff – one shot (eine Auswahl von 3 und 4jährigen Rhums, welche in ehemaligen Bourbon Fässern reiften)
Dillon VSOP 43% (mit rund 8 Jahren Limousine-Eiche das Flaggschiff der Destillerie)